Impulse September 2013

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IMPULSREIHE ROMFAHRT:

Treffpunkt Benedikt auf den Lippen des Papstes (Rom X)

IMG_3555_(800_x_600)Am Letzten Tag erlebten wir einen Höhepunkt der ganzen Romfahrt: Die Generalaudienz auf dem Petersplatz. Am Vorabend hatten wir unser Abschiedsessen, zu dem auch die in Rom lebende Karin gekommen war (sie hatte uns kurzfristig die IMG_3563_(800_x_600)sonst schwierig zu bekommenden Spezialführung unter dem Petersdom ermöglicht) und wo auch Pater Wolfgang aus Admont, der im Vatikan arbeitet, dabei war (und uns die Eintrittskarten für die Generalaudienz am nächsten Tag gab). Doch er IMG_4349_(800_x_600)tat noch viel mehr für uns: P. Wolfgang traf uns am nächsten Morgen, als der Petersplatz schon gut mit Menschen gefüllt hat, ersparte uns die lange IMG_3642_(800_x_600)Schlange vor den Kolonnaden (wo die Besucher der Generalaudienz auf Metallgegenstände hin einzeln untersucht werden) und führte uns vorbei an Schweizer Gardisten durch den Päpstlichen Palast ganz ohne Kontrolle direkt zum vorderen Teil des Petersplatzes.

P1020674_(800_x_600)Wir konnten uns also gemütlich in die vorne aufgestellten Plastiksessel fallen lassen und die Stimmung aufnehmen: Pilgergruppen aus vielen verschiedenen Ländern. Die Kirche ist katholisch, d.h. weltumfassend. Das erlebten wir hier. Verschiedene Hautfarben und Sprachen, aber der eine Glaube, die eine Liturgie, die eine Heilige Schrift. Für diese Einheit steht sichtbar und hörbar der Papst, Oberhaupt aller Katholiken auf der ganzen Welt.

IMG_4394_(800_x_600)Bevor der Papst kam, wurden in einigen Sprachen Gruppen genannt, die sich angemeldet hatten. Wir warteten gespannt, ob auch unsere Gruppe auf dem ganzen Petersplatz vorgelesen würde. „Jugendliche vom Treffpunkt Benedikt aus …“ – ich konnte die P1020689_(800_x_600)restlichen Worte nicht mehr verstehen, denn die jungen Leute unserer Gruppe brachen in ein solches Geschrei aus, dass ich nichts mehr sonst verstand. Wir hatten uns bemerkbar gemacht.

Niemand hatte geahnt, dass es zu noch Größerem kommen würde: Gegen Ende der Generalaudienz begrüßte Papst Franziskus die Pilger einiger Sprachgruppen auf Italienisch. Da sagte er zu den Deutschen, Österreichern und Schweizern: „Saluto di cuore tutti i fratelli e sorelle di lingua tedesca, in particolare i pellegrini venuti in bicicletta in occasione del cinquante­simo anniversario della canonizzazione di San Vincenzo Pallotti, e i giovani del gruppo “Treffpunkt Benedikt” di Kremsmunster in Austria. Lo Spirito Santo vi accompagni sempre sul vostro cammino.“

aa Hl. Vater_(800_x_600)Wir hielten den Atem an. Aus der Stimme des Papstes hörten wir völlig überraschend unsere Gruppe. Ein deutscher Sprecher neben dem Papst wiederholte die Worte von Franziskus in deutscher Sprache: „Von Herzen grüße ich alle Brüder und Schwestern deutscher Sprache, besonders die Fahrradpilger anlässlich des fünfzigsten Jahrestags der Heiligsprechung von Vinzenz Pallotti und die Jugendlichen des „Treffpunkts Benedikt“ aus Kremsmünster in Österreich. Der P1020701_(800_x_600)Heilige Geist geleite euch stets auf eurem Lebensweg.“ Wieder lauter Jubel in unserer Gruppe. P. Klaus und ich nickten uns gegenseitig zu und sagten: „Erstaunlich, was P. Wolfgang da zustande gebracht hat!“

Aber das Wichtigste war nicht, dass der Papst den „Treffpunkt Benedikt“ auf dem Petersplatz höchst persönlich willkommen geheißen hat, sondern die Begegnung mit ihm. Bei der Ansprache reflektierte er den Weltjugendtag in Rio. Da verstand er es wieder, in direkten Kontakt mit den Leuten zu treten. Die P1020705_(800_x_600)Jugendlichen in besonderer Weise, die gut vertreten auf dem Petersplatz saßen oder standen, fragte er nach allgemeinen Ausführungen: „Volete essere una speranza per Dio? Volete essere una speranza, voi? – Wollt Ihr eine Hoffnung sein für Gott? Wollt Ihr eine Hoffnung sein, Ihr?“ Über den Petersplatz erschallte der Ruf: „Si!“ Und so ging es mit einigen Fragen weiter. Dann sprach der Papst über die Aufgabe, eine neue Welt aufzubauen und fragte die jungen Leute: „Avete il coraggio di P1020682_(800_x_600)raccogliere questa sfida? – Habt Ihr den Mut, diese Herausforderung aufzunehmen?“ Ein normales „Ja“ kam als Antwort. Das war Papst Franziskus nicht genug. Er setzte nach: „Avete il coraggio o no? Io ho sentito poco – Habt ihr jetzt den Mut oder nicht? Ich habe wenig gehört!“, worauf über dem Petersplatz von allen, die Italienisch verstanden ein kräftiges „Si!!!“ kam.

A.Hl. Vater_(800_x_600)Die Generalaudienz begann damit, dass der Papst mit dem Papamobil am Petersplatz erschien und dann durch die Reihen fuhr. Auch wenn wir ihn gerade nicht als kleines Männchen über den Köpfen der Leute sah, wussten wir, wo er gerade vorbei fuhr, denn dort war am meisten Tumult. Mehrmals sahen wir ihn unweit von uns vorbei ziehen. Das machte auf viele von unserer über 30-köpfigen jungen Gruppe einen großen Eindruck.

P1020681_(800_x_600)Auf eine von uns machte einen speziellen Eindruck, dass der Papst besonders auch an den Rand des Petersplatzes gefahren ist. Am Tag der Rückkehr hielten wir in Leoben noch ein Morgengebet und machten eine Runde, in der jeder eine Sache erzählte, was besonders beeindruckt hat. Da kamen ganz verschiedene Mosaiksteinchen einer wunderbaren Reise zusammen zu einem großen Bild. Die eben erwähnte IMG_4435_(800_x_600)Teilnehmerin sagte: „Für mich war beeindruckend, wie der Papst bei der Generalaudienz weit hinaus gefahren ist und dort die Kinder und Behinderten umarmte“ – wir konnten das ja auf den Bildschirmen mitverfolgen. Und dann sagte die Jugendliche weiter: „Das nehme ich für mein Leben mit: In der Familie, im Freundeskreis, in der Arbeit möchte ich so wie der Papst ab jetzt besonders für die Leute am Rande da sein und auf die an der Peripherie zugehen.“

Die Botschaft des Kreuzgangs (Rom IX)

„Wollen Sie nicht manchmal hinausgehen und etwas erleben?“ Sr. Fulvia schaut verdutzt. „Naja, manchmal würde ich im Winter gerne Schi fahren. Aber eigentlich habe ich nicht den Wunsch, hinauszugehen. Wir tun das nur, wenn es unvermeidlich ist, z.B. zu einer Röntgenaufnahme. Der Arzt kommt ins Haus. Die Ökonomin geht einmal im Monat hinaus und macht nötige Besorgungen. Aus unserem Garten bekommen wir Gemüse und Früchte, der Bäcker bringt uns am Abend das Brot, das er nicht mehr verkauft hat. Uns geht hier nichts ab.“

IMG_3354_(800_x_600)Aber was bringt es, so streng hinter Mauern zu leben? Sr. Fulvia stellt uns ihrerseits eine Denkaufgabe: „Was versteht Ihr unter Klausur?“ Unsere Erklärungen befriedigen die vielleicht 35-järhige Schwester nicht. „Klausur ist doch nicht nur Abschließung, dass man etwas nicht hat, was wir Welt nennen. Klausur ist ein vertraulicher Raum. Jeder von Euch hat solche vertraute Räume zuhause und in Beziehungen. Wenn Ihr jemanden etwas anvertraut, wollt Ihr nicht, dass der das dann ausplaudert.“

IMG_3342_(800_x_600)Da wird mir mit einem Schlage klar: Jeder hat und braucht seine Klausur, Räume und Zeiten, in denen Vertrauen wächst und Intimität seinen Platz hat. Da müssen wir etwas „custodire“, wie es Sr. Fulvia nannte: bewahren, hegen und pflegen, auch schützen vor schlechten Einflüssen. Klausur – ein Raum des Schutzes, damit etwas zutiefst Inniges geschehen kann. Klausur in einer Liebesbeziehung. Klausur in meinem Leben mit Gott. Ich staune über diese Worte der italienischen Augustinerin, blicke auf unsere junge Reisegruppe und merke: Sr. Fulvia trifft ganz einfach und anschaulich etwas von unser aller Leben.

„Ich trage diesen Ring, weil ich ganz zu Gott gehöre“, fährt sie fort. „In unserer Klausur möchte ich wachsen und reifen. Um glücklich zu sein, brauche ich nicht hinauszugehen. Ja, das kann mich sogar ablenken, alles auf Gott zu setzen.“ Und Sr. Fulvia bringt ein tolles Bild ins Spiel: „Ihr seid durch unseren Kreuzgang aus dem 13. Jh. hereingekommen. Wo hat der Kreuzgang eigentlich seinen Ausgang? Eben, nirgends. Er ist in sich geschlossen. Der Kreuzgang kennt nur eine große Öffnung in der Mitte: Die nach oben! Das heißt für uns: Wenn wir Probleme haben, dann sollen wir nicht in die Welt ausbrechen, sondern uns nach oben wenden, Hilfe von oben erbitten.“

Strenges Klosterleben wie in diesem Augustinerinnenkonvent im Zentrum Roms ist letztlich auf die Liebe ausgerichtet. So versuchte uns Sr. Fulvia deutlich zu machen, wohin ein solches Leben in Abgeschiedenheit und der unentrinnbaren Verwiesenheit auf die Mitschwestern und vor allem Gott führt. Sie konnte das wieder veranschaulichen: „Habt Ihr in Eurer Gruppe ein Pärchen?“ Peter und IMG_4042_(800_x_600)Birgit zeigten auf. „Gut, dann schaut Euch diese beiden an. Ich sage Euch: Sie sieht in ihm eine Schönheit und einen Reichtum, der uns verborgen bleibt. Und er sieht in ihr etwas, was wir nicht an ihr sehen. Das ist ihre Klausur, die nur die beiden teilen. Liebe macht sehend! Durch die Liebe sieht man etwas, was die anderen nicht sehen. So ist es auch mit Gott, mit dem Klosterleben: Da entsteht ein geschützter, intimer Raum, eine Klausur, die mich neu sehend macht. Und die erfüllt sein soll von seiner Liebe.“

Klausur inmitten einer Weltstadt (Rom VIII)

DSC_0421_(800_x_600)Von den vielen Besichtigungen, Erlebnissen und Begegnungen möchte ich bei der 10-teiligen Impulsreihe über die Romreise von Treffpunkt Benedikt auf den Besuch in einem streng klausurierten Frauenkloster eingehen. Zwischen Kolosseum und dem Lateran (der eigentlichen Papstkirche) leben hier DSCN0127_(800_x_600)im alten Kloster „Santi Quattri Coronati“ gut ein Dutzend Augustinerinnen. Mit der dynamischen Schwester Fulvia Sieni OSA hatten wir ein Gespräch, ehe wir mit dem Konvent in der historischen Kirche Eucharistie feierten, von der Zeugnisse aus dem 5. Jh. bekannt sind (und wo sich im Oratorium des hl. Silvester laut einem Reiseführer „der wohl eindrucksvollste Freskenzyklus aus dem römischen Mittelalter“ findet).

IMG_3269_(800_x_600)Ihre Ausführungen begann Sr. Fulvia mit dem Bild, das sie als Jugendliche von Nonnen hatte: Schwestern seien „triste, frustrate e brutte“ (traurig, frustriert und hässlich). Ihre Erfahrungen mit P1020491_(800_x_600)Schwestern in der Schulzeit waren nicht die besten. Doch sie fühlte sich hingezogen zum radikalen Leben hinter P1020472_(800_x_600)Klostermauern, lernte diese Gemeinschaft kennen und trat nach dem Studium ein. „Wir versuchen hier einfach zu leben und in allem Gott den Vorrang einzuräumen. Mit der Zeit habe ich gemerkt: Klosterleben kann interessant und unterhaltsam sein.“ Warum unterhaltsam?, wollte einer von uns wissen. „Jede Mitschwester ist eine Galaxie für sich, eine anfangs fremde Welt. DSC_0418_(800_x_600)Mit den anderen umzugehen ist eine spannende Sache – und auch divertente, unterhaltsam im wörtlichen Sinn: etwas von mir  Verschiedenes, das mich bereichert und herausfordert, di-vergere. Und Gott ist erst recht ein CIMG1713_(800_x_600)Universum für sich und unterhaltsam. Täglich neue Überraschungen. Da ruft ein österreichischer Benediktiner an und ich frage mich – wer ist denn der, was will der denn von mir? Und jetzt sitzt Ihr hier und denkt vielleicht, was ist denn das für eine Schwester. Gott hält viele Überraschungen parat, immer neue Entdeckungen, auch im direkten Umgang mit ihm.“

Sr. Fluvia schaut uns verschmitzt an, DSC_0867_(800_x_600)und wir nehmen ihr ab, dass sie ein erfülltes Leben führt und selbst die anderen unterhalten kann. Auf eine weitere Frage hin erzählt sie, wie sie täglich aus dem Wort Gottes P1020483_(800_x_600)lebt. Wie die anderen Schwestern auch meditiert sie die Tageslesungen ausführlich: „Da bekommen wir in therapeutischen Dosen jeden Tag Bibeltexte, quer durch die Hl. Schrift. Jeden Tag. Die wiederholen sich dann auch im Laufe der Jahre. Jedes Mal lese ich sie mit neuen Augen. Und mir geht immer mehr auf, wer Gott ist und was das für mich bedeutet.“

Der Verkäufer am Strand (Rom VII)

IMG_40971_(800_x_600)CIMG1891_(800_x_600)Während unserer Rom-Reise war es sommerlich warm. Da wollten wir das Meer nicht auslassen. Die Basilika Sankt Paul vor den Mauern liegt auf der Via Ostiense, die nach Ostia ans Meer führt. P1020549_(800_x_600)Nachdem wir das Paulusgrab besucht und von Abt Edmund Power OSB einen geistlichen Impuls bekommen hatten, gingen wir in einen Supermarkt und rüsteten uns P1020591_(800_x_600)für den Strand.

IMG_4065_(800_x_600)Die ausgelassene Stimmung unserer Gruppe dort kann man sich vorstellen – wohl auch, dass ich bevorzugtes Opfer im Wasser war und so unfreiwillig das Salzwasser nicht nur außerhalb des Körpers spürte. Wir beten natürlich auch, sangen Lieder, begleitet von unserer Gitarristin. Die Vesper beim Sonnenuntergang prägte sich ein.

CIMG1936_(800_x_600)Ich möchte hier aber besonders von etwas anderem berichten, weil das gut in die bisherige Reihe „Armut – Fremde – an den Rand gehen“ passt: Während wir so in der Sonne lagen, kam ein Strandverkäufer vorbei und bot gekühlte Getränke an. P. Klaus wollte den Preis für sein Bier herunterhandeln, merkte aber bald, dass der indische Strandverkäufer keinen Spielraum hatte. „Viel Geld wird der auch nicht verdienen“, sagte P. Klaus. Und wirklich: Wir beobachteten die Leute, wie sie die ausländischen Verkäufer ignorierten oder P1020597_(800_x_600)unwillig abwiesen.

Der indische Verkäufer von vorhin kam nach einer Stunde wieder vorbei. Johannes war gerade daran, seine unvorstellbar riesige Melone aufzuteilen. Die jungen Leute vom Treffpunkt Benedikt boten dem sichtlich armen Verkäufer ein Stück davon an. Da strahlte der dunkelhäutige Mann. Ich fragte mich, wie viele IMG_4038_(800_x_600)Menschen ihn bisher nicht nur abwiesen oder „großherzig“ was abkauften, sondern ihm auch etwas von sich angeboten hatten. Der Inder mit einem Turban (damit als Anhänger der Sikh-Religion erkennbar) setzte sich kurz zu uns und aß mit Vergnügen sein Melonenstück. Er erzählte uns, dass er seit fünf Jahren in Italien ist, um Geld für seine Familie zu verdienen. Vier Kinder hat er, und täglich spricht er über Skype mit seiner Frau und den Kindern. Sie fehlen ihm sehr. Im Winter wird er nach Hause fahren und sie endlich wieder sehen. Wir gaben ihm auch Käse, der vom Picknick noch übrig war. Da strahlten seine Augen wieder. Aus dem anonymen

IMG_4052_(800_x_600)Mir gab diese Begegnung zu denken. Der Inder war für uns plötzlich nicht mehr der anonyme, lästige Verkäufer am Strand. Ich habe sein Lächeln noch vor mir, seinen traurigen Blick, als er von seinen Kindern sprach, die so weit weg sind. Und seine funkelnden Augen, als wir ihm erzählten, dass wir am Vortag bei den Schwestern IMG_4110_(800_x_600)von Mutter Teresa von Kalkutta gewesen waren – „Mother Teresa – good woman!“, hatte er spontan ausgerufen. In ihrem Sinn war er als Fremder und Armer für kurze Zeit unser Freund geworden. Wieder eine bemerkenswerte Begegnung an der Peripherie von Rom, diesmal am schönen Meerstrand von Ostia.

Leben mit den Armen (Rom VI)

In romanischen Ländern gibt es etwas im relativ großen Ausmaß, was wir bei uns Panorama_(800_x_600)nur vereinzelt finden: Neue Gemeinschaften, die die Kirche von innen her verjüngen und erneuern. Schon in meiner römischen Zeit 2001-2003 ist mir die Bewegung von Sant’Egidio

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ans Herz gewachsen, die ich seither immer besuche, wenn ich in Rom bin. Da erlebt man lebendige Liturgie, persönliche Frömmigkeit der Mitglieder (die auf andere ausstrahlt) und die Sorge für die Armen. Damit verwirklicht diese Laiengemeinschaft drei Grundsäulen christlicher Existenz: Leiturgia, Martyria, Diakonia.

IMG_3778_(800_x_600)„Sie sind also keine Ordensleute?“ Diese Frage von jemanden aus unserer Gruppe am Ende des Gespräches mit Cecilia zeigte, dass wir das so kaum kennen: Christen, die sich regelmäßig zum Gebet treffen, sich verbunden wissen untereinander und gemeinsam Projekte angehen. 5.000 Mitglieder hat die Gemeinschaft von Sant’Egidio alleine in Rom. Sie entstand aus dem Zusammenschluss von Studenten im Jahre 1968, die gemeinsam in der Bibel lasen und soziale Aktionen starteten. Daraus wurde eine internationale katholische Bewegung, der heute 70.000 angehören.

IMG_3824_(800_x_600)Wir waren zur Vesper gekommen, die – typisch italienisch – erst um 20:30 begann. Sie findet täglich in mehreren Kirchen Roms statt. Wir waren nach Santa Maria in Trastevere gegangen, einem besonders schönen Gotteshaus, das antike Säulen verwendet, ein atemberaubendes Apsismosaik aus dem 12. Jh. hat (Krönung Mariens) und einen besonders schön erhaltenen Cosmatenboden aus der gleichen Zeit. Hier herein strömen Mitglieder von Sant’Egidio jeden Abend, sofern sie Zeit zum Gebet haben. Sonntags finden etliche Messen der Gemeinschaft mit ihren typischen Gesängen statt. Sie gefielen auch Maria, der Musikchefin unserer Gruppe: „Das hat was Eingängiges. Und ich war fasziniert, mit wie wenig Elementen diese Vesper auskam.“ Deshalb hatten auch fast nur wir Hefte in der Hand. Die anderen sangen auswendig. Das Magnifikat besteht z.B. aus nur vier Zeilen, die aber oftmals wiederholt werden. Taizé lässt grüßen.

Beim Gespräch mit der vielleicht 45-Jährigen Cecilia in der Kirche danach kam das Profil dieser Laiengemeinschaft gut für uns heraus: „Bei uns spielen die Armen eine große Rolle. Christus war sozial ausgerichtet.“ Das zeigt die Gemeinschaft z.B., wenn sie zu Weihnachten in einer Kirche wie S. Maria in Trastevere die Kirchenbänke zur Seite schafft und ein Festmahl für die Armen der Umgebung veranstaltet. Dann verwandelt sich der Gottesdienstraum in einen himmlischen Speisesaal, bei der jene, die kein schönes Weihnachtsfest im Kreis der Familie haben, bedient werden.

1_20121225-natale-trastevere-santegidio-basilica-0_(800_x_600)„Die Armen gehören zu unserer Familie. Jeder aus unserer Gemeinschaft nimmt sich eines Armen besonders an: Der eine besucht wöchentlich eine einsame Frau im Altersheim, eine andere kümmert sich um eine kranke Person, der nächste ist ein Freund eines Obdachlosen geworden, zu dem er mehrmals in der Woche geht, mit ihm plaudert oder den er sogar einmal auf einen Ausflug mitnimmt. Wichtig ist uns, Zeit für Leute am Rande zu haben.“

Und dann sagte Cecilia etwas, das mich aufhorchen ließ und eine selbstkritische Frage an mich darstellte: „Wisst Ihr: Im Angesicht der Armen merken wir, wie blöd unser eigenes Jammern und ständiges Herummeckern ist!“

Für mehr Informationen und den Newsletter auf Deutsch siehe: www.santegidio.de

Gott am Rande der Stadt (Rom V)

Papa Francesco è uno di noi! – Papst Franziskus ist einer von uns“, sagt eine Frau im Bus, als wir vom Angelus-Gebet auf dem Petersplatz hinaus fahren zu den Missionarinnen der Nächstenliebe. Sie wunderte sich, dass sich eine Touristengruppe in die Vorstädte verirrt. Als sie hört, dass wir zu den Schwestern von Mutter Teresa fahren, geht ihr Herz noch weiter auf: „Die gehören auch ganz fest zu uns.“ Und der Busfahrer ruft: „Ah, ich weiß genau, wo diese blau-weißen Schwestern immer ein- und aussteigen, das sage ich Euch dann.“

Wir hatten bereits viel Prunk und Reichtum in Rom gesehen (und sollten noch mehr davon erleben). Aber auch das ist Rom und Kirche – die Armut an der Peripherie. „Torbellmonaca“ – das Tor zur schönen Nonne heißt der Stadtteil. Dort lebt seit einigen Monaten die 22-Jährige Martina Husch aus Vöcklamarkt, Martina_(800_x_600)die bis zum Jänner unserem Kreis angehört hatte und nun von uns (darunter ihre Schwester) Besuch bekam. Welche Freude des Wiedersehens!

Die Schwestern luden uns gleich zu einer Anbetung ein, der die Vesper folgte. Dann kam es zum langen Gespräch. Absolute Armut, kaum Verbindung mit der Heimat und der eigenen Familie. Warum nehmen die jungen Kandidatinnen das auf sich? Die Schwester, die sich in dieser römischen Gemeinschaft um die neu Eintretenden aus verschiedenen Ländern P1020482_(800_x_600)kümmert, zeigt auf das Kreuz: „Jesus hat auch nichts gehabt – wir leben seine Armut.“ Martina fügt auf Deutsch hinzu, fällt aber immer wieder in die Sprache der Gemeinschaft, ins Englische: „Ich merke, dass ich jetzt schon das 100-fache bekommen, wenn ich mich ganz auf diese community und unser prayer life einlasse.“ Wir merken, wie sie strahlt, innerlich erfüllt ist und den Schwestern hier in ihrem einfachen Haus nichts abgeht. Wir werden nachdenklich. „Das ist mein neues Zuhause, und es ist meine Freiheit, mich von alten Bindungen zu lösen, um mich hier ganz einlassen und auf Christus konzerntieren zu können“, sagt Martina. Und ihre Schwester Veronika bekommt Tränen; aber sie weiß, dass für Martina hier der Lebenstraum wahr geworden ist. Das macht auch die Familie glücklich, selbst wenn es weh tut. Die monatlichen Anrufe sind ein Höhepunkt für die Familie zu Hause und die Kandidatin in Rom.

P1020485_(800_x_600)Die Kapelle könnte eine Garage gewesen sein, die Schwestern leben von der Vorsehung, das heißt von Spenden, die sie wiederum mit der Bevölkerung teilen. Arme Kinder bekommen Nachhilfeunterricht, Familien und einzelne Gestrandete suchen Hilfe und Rat. Die Schwestern leben hier, was Papst Franziskus immer wieder fordert: „Eine arme Kirche für die Armen!“ Dabei will er nicht, dass es uns allen schlecht geht, sondern: Erst wenn wir uns als bedürftig erleben, sind wir offen für Gott. IMG_3900_(800_x_600)Deshalb sind die Schwestern hier nicht nur Gebende, sondern auch Empfangende: Christus begegnet uns besonders in den Bedürftigen! Die Schwestern der Mutter Teresa leben das in extremer Weise. Die Missionarinnen der Nächstenliebe haben weltweit über 700 Häuser, alleine in Rom fünf. Hier sehen wir, was uns von der Kirchengeschichte her oft so weit weg vorkommt: Es gibt Bewegungen, die um sich greifen – auch heute, in unserer Kirche. Eine einzige Frau kann so etwas auslösen und weiter prägen!

„Wir wollen ganz leer werden, um von Christus erfüllt zu werden. Die tägliche Eucharistiefeier ist unsere Quelle, dann bringen wir Jesus zu den anderen, gehen hinaus zu den Menschen, laden sie zu uns ein. Nicht die materielle Hilfe steht dann im Vordergrund, sondern das Zeugnis, dass Christus bei ihnen ist. Wir haben nichts und bekommen alles. Das möchten wir besonders den Armen vorleben. Und immer wieder kehren wir zurück zu Gott, der unser Alles ist.“ Zum Schluss nehme ich Martina beiseite und rede persönlich mit ihr. Sie freute sich sehr über unseren Besuch und fand hier ihre Berufung. Sie bittet um den Segen. Dann knie ich vor ihr nieder, wie schon vor ihrer Abfahrt und bitte um IMG_3890_(800_x_600)ihren Segen. Sie legt mir die Hände auf – und ich merke, dass da eine vor mir steht und für mich betet, die mir im geistlichen Leben weit voraus ist.“ Wir umarmen uns. Wann und wo werden wir uns wieder sehen? „Ihr alle vom Gebetskreis, von Treffpunkt Benedikt, alle Patres des Stiftes Kremsmünster sind in meinem Herzen und meinen Gebeten“, sagt Martina, und ich merke, dass es wahr ist, was sie vorher zu uns sagte: „Seitdem ich hier bin, bin ich mit euch allen noch viel mehr verbunden.“

Bei der Rückfahrt sind wir ruhig. Eine halbe Stunde im Bus. Die Besiedlungen werden dichter und schöner. Zur U-Bahn-Endstation der Linie A. Von hier noch viele Stationen bis zum Bahnhof. Die Innenstadt von Rom hat uns wieder. Doch wir sind andere geworden. Nachdenklich sitzen wir da, gehen wir durch den Wirbel, sehen die schönen Gebäude und fein angezogenen Menschen. Eine aus unserer Gruppe nimmt mich beiseite und sagt tief bewegt: „Ich kann es kaum beschreiben: Ich bin erschüttert von diesem Besuch bei den Schwestern. Erschüttert und zugleich beflügelt. Eine solche Tiefe habe ich kaum noch wo erlebt.“

Papst Franziskus live (Rom IV)

DSCN0551_(800_x_600)Wir hatten schon alle darauf gewartet: Am Sonntag würden wir beim Angelus-Gebet dabei sein und am Mittwoch bei der Generalaudienz. Zwei große Erlebnisse! Vom Freitag her kannten wir bereits den Weg aus dem Herzen Roms über die Ponte Sant’Angelo über die Engelsburg und die Via della Conciliazione zum Petersdom. Es waren schon viele Leute unterwegs an diesem Sonntag Vormittag, der Petersplatz schon zu Dreiviertel gefüllt. 100.000 Leuten kommen seit der Wahl von Papst Franziskus zum sonntäglichen Angelus, hatte ich schon öfters gehört – Pilger aus verschiedenen Erdteilen und die örtliche Bevölkerung. Trotzdem konnten wir noch eine Strecke weiter gehen und nicht weit vom Obelisken in der Mitte des Petersplatzes stehen bleiben – umgeben von italienischen Gruppen mit DSCN0565_(800_x_600)Transparenten und dem üblichen Lärm (Italiener reden viel und laut und meistens zugleich – deshalb fühle ich mich in Italien so zuhause!). Alle schauten immer wieder zum Fenster hoch oben im Apostolischen Palast, hinter dem sich das Arbeitszimmer von Papst Franziskus befindet.

IMG_3403_(800_x_600)Um Punkt 12:00 öffnete sich dieses Fenster, und bald darauf erschien die weiße Gestalt. Der Platz tobte. Klein erschien er mir, unser Papst, und weit weg. Warum kommen dennoch so viele Leute zu den 15-20 Minuten am Sonntag? Das sollte ich gleich selbst erleben: „Boungiorno“ war sein erstes Wort – „Ich wünsche euch einen guten Tag.“ Um dann sogleich mit ernster Stimme diese Worte eindringlich über den großen, menschenübersäten Platz erschallen zu lassen: „Heute, liebe Brüder und Schwestern, möchte ich mir den Schrei zu eigen machen, der von jedem P1020473_(800_x_600)Winkel der Erde, von jedem Volk, aus dem Herzen eines jeden und von der einen großen Menschheitsfamilie mit immer größerer Ängstlichkeit aufsteigt. Es ist der Schrei nach Frieden. Es ist der Schrei, der laut ruft: Wir wollen eine friedliche Welt; wir wollen Männer und Frauen des Friedens sein; wir wollen, dass in dieser unserer Weltgemeinschaft, die durch Spaltungen und Konflikte zerrissen ist, der Friede aufbreche und nie wieder Krieg sei! Nie wieder Krieg!“

Auf einmal war es ganz ruhig geworden, alle blickten gespannt und betroffen zur kleinen weißen Gestalt beim Fenster. Die jungen Teilnehmer unserer Gruppe hatten nicht verstanden, über was der Papst sprach. Aber – wie sie mir nachher sagten – sie wussten sofort, dass der Papst tief erschüttert über etwas redete. Und das

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zeigten seine weiteren Worte: „Mit leidvoller Sorge verfolge ich die vielen Konfliktsituationen auf dieser unserer Erde. Doch in diesen Tagen geht mir besonders schmerzlich ans Herz, was in Syrien passiert. Ich ängstige mich angesichts der dramatischen Entwicklungen, die bevorstehen.“ Syria – da verstanden auch die Ausländer auf dem Platz plötzlich, von was er sprach. Der Giftgasangriff war erst einige Tage her, die Drohung des Westens, Syrien anzugreifen, sollte bald Wirklichkeit werden.

Und dahinein rief der Papst: „Ich erhebe einen nachdrücklichen Friedensappell, einen Appell, der aus meiner tiefsten Seele kommt! Wie viel Leid, wie viel Zerstörung, wie viel Kummer hat der Gebrauch der Waffen in diesem gepeinigten Land und insbesondere unter der wehrlosen Zivilbevölkerung verursacht. Wie viel Qualen ruft er weiter hervor! Machen wir uns bewusst: Wie viele Kinder können nicht mehr das Licht der Zukunft erblicken! Mit besonderer Schärfe verurteile ich den Gebrauch chemischer Waffen: Ich sage euch, ich habe noch ständig jene schrecklichen Bilder der vergangenen Tage in meiner Erinnerung und in meinem Herzen! Es gibt ein Urteil Gottes und auch ein Urteil der Geschichte über unsere Taten, dem man nicht entrinnen kann! Niemals wird der Gebrauch der Gewalt zum Frieden führen. Krieg weckt Krieg, Gewalt weckt Gewalt!“ Diese letzten Worte schrie Papst Franziskus förmlich ins Mikrofon und wiederholte sie nochmals frei: „Gewalt ist Gewalt, von wem immer sie kommt – und sie weckt neue Gewalt!“

DSCN9280_(800_x_600)Wir waren auf den Petersplatz gekommen, um den Papst das erste Mal live zu sehen – aber darüber hinaus erwarteten wir nichts Spektakuläres. Nun erlebten wir Weltgeschichte, wir waren dabei, als der Papst etwas forderte und ankündigte, was Schlagzeilen in der ganzen Welt machte und eine große Wirkung entfaltete. DSCN9406_(800_x_600)Es ist davon auszugehen, dass die mehrfach seither deutlich gesagten Worte des Papstes mit dazu beitrugen, dass Obama einlenkte und andere Wege sucht, Syriens Diktator zur Raison zu bringen. Denn ein Eingreifen könnte einen Flächenbrand auslösten: Syrien greift Israel an, die Arabische Welt würde mit Syrien gegen Israel sein, Russland weiter auf der Seite Syriens stehen, der Westen und die Türkei gegen diese Verbündeten agieren …

Der Papst ließ es aber nicht beim dramatischen Friedensappell bewenden. Er fragte, was denn wir für den Frieden tun können und antwortete selbst: „Eine Kette des Einsatzes für den Frieden möge alle Männer und Frauen guten Willens verbinden! Diese ernste und eindringliche Einladung richte ich an die DSCN9311_(800_x_600)katholische Kirche in der ganzen Welt, und ich weite sie auch auf alle Christen anderer Konfessionen, auf die Männer und Frauen der verschiedenen Religionen und auf jene Brüder und Schwestern, die nicht glauben, aus: Der Frieden ist ein Gut, das alle Grenzen überwindet, weil es eben ein Gut der ganzen Menschheit ist. Nochmals rufe ich mit lauter Stimme … Der Schrei nach Frieden erhebe sich laut, auf dass er die Herzen aller erreiche; auf dass alle die Waffen niederlegen und sich leiten lassen DSCN0871_(800_x_600)von der Sehnsucht nach Frieden.“ Hier setzte ich meine Sonnenbrillen auf, damit die Leute nicht meine nassen Augen sehen konnten. Ich war wirklich erschüttert. Um uns herum klatschten und riefen die Italiener, um den Papst in seiner Botschaft immer wieder zu unterstützen. Unsere Gruppe schaute immer wieder fragend auf P. Klaus und mich, was denn der Papst jetzt gesagt habe.

Der sagte dann weiter – und hier merkten wir, wie ernst es ihm war: „Deshalb, liebe Brüder und Schwestern, habe ich beschlossen, für die gesamte Kirche am kommenden 7. September, Vigil des Festes der Geburt Marias, der Königin des Friedens, einen Tag des Fastens und Betens für den Frieden in Syrien, im Nahen Osten und in der ganzen Welt anzusetzen. Ich lade ebenso die Brüder und Schwestern aller christlicher Konfessionen, die Mitglieder der anderen Religionen und die Menschen guten Willens dazu ein, sich dieser Initiative in einer Weise, die ihnen geeignet erscheint, anzuschließen.“

DSCN9324_(800_x_600)Mittlerweile wissen wir, dass daraus der längste uns bekannte päpstliche Gottesdienst wurde, an dem der Papst den ganzen Samstag Abend auf einem wieder menschenüberfüllten Petersplatz die Gebetsvigil machte, deren Bilder wieder um die Welt gingen. Und dass diese weltweite Aktion Eindruck auch auf die Politiker machte.

Das Angelus-Gebet an jenem Sonntag erlebte dann noch einen eindrucksvollen Moment, als der Papst sich an Maria wendete und spontan die Leute ins Gebet einbezog: „Bitten wir Maria, uns zu helfen, der Gewaltanwendung, dem Konflikt und dem Krieg mit der Kraft des Dialogs, der Versöhnung und der Liebe zu begegnen. Sie ist unsere Mutter. Sie möge uns helfen, den Frieden zu finden. Wir alle sind ihre Kinder. Hilf uns Maria, auch diesen schwierigen Moment zu überwinden. Maria, Königin des Friedens, bitte für uns! Stimmt jetzt alle mit ein: Maria, regina della pace!“ Und die Leute riefen laut: „Prega per no!“ Und das drei Mal.

Für viele von uns war das der erste Angelus ihres Lebens. Und was für ein Treffen! Das ließ niemanden kalt. Wir hatten den energischen und tief gläubigen Papst live erlebt, der die Menschen mitreißt – im Namen Gottes! Hier das original in italienisch. Vermutlich versteht ihr sogar nun einen Teil davon:

P.S.: Der Text des Angelus kann ebenso leicht gefunden werden wie die Predigt bei der Gebetsvigil, die ich Euch besonders empfehlen möchte:  http://www.vatican.va/holy_father/francesco/homilies/2013/documents/papa-francesco_20130907_veglia-pace_ge.html

Praktische Tipps fürs Leben (Rom III)

Die Begegnung mit Abtprimas Notker Wolf an unserem ersten Romtag brachte so viel Bedenkenswertes, dass ich in einem dritten Impuls einige Aussagen von ihm bringen möchte. Eine junge Teilnehmerin unserer Pilgerreise hat von sich aus die anderen gefragt, was sie vom obersten Benediktiner der Welt besonders mitgenommen haben. Hier einige bedenkenswerte Bruchstücke aus ihrer WehleidigSammlung: „Wir leiden in unseren Ländern an ‚Jammeritis‘, wollen uns von der Gesellschaft bemuttern lassen und sind enorm wehleidig. Wartet nicht, bis die anderen alles für euch machen. Nehmt die Dinge selbst in die Hand!“ Wie der Abtprimas Entscheidungen trifft? „Ich halte bei wichtigen Dingen immer Rücksprache mit anderen. Wenn jemand dezidiert dagegen ist, überlege ich mir zweimal, ob ich das so mache.“ Ganz wichtig: „Das persönliche Gespräch suchen! Wenn sich wo echte DSC_0937_(1024_x_768)Probleme auftun, nützen Telefonkonferenzen nichts mehr. Da lade ich die Streitparteien nach Rom ein oder reise selber hin, und wir reden dann persönlich. Das ist ganz etwas anderes. Immer das Gespräch suchen!“

Wie konnte der Abtprimas in China die Benediktiner etablieren? „Wichtig war

Papa

mir bei Verhandlungen immer, den anderen als Menschen zu sehen, der legitime Interessen hat und aus seiner Sicht das Beste will. Ich versuchte mein Gegenüber, auch wenn er ein religionsfeindlicher Kommunist ist, von Gott her zu sehen, der ihn geschaffen hat und unendlich liebt (auch wenn ich das nicht ganz verstehen kann). Dann muss ich ihn doch wenigstens so gut es geht mit IMG_4263_(1024_x_768)Respekt und gleicher Würde behandeln – ich stehe jedenfalls nicht über ihm, wenn ich Gott ernst nehme. Mit einer solchen Haltung öffnen sich plötzlich die Herzen und die Türen. Der andere ist nicht mein Gegner, auch wenn er mir fremde Ziele verfolgt. Sondern er ist mein Partner, mit dem ich vieles umsetzen kann. Wenn mein Gegenüber merkt, dass ich auch sein Bestes will und seine Interessen ernst nehme, ergeben sich plötzlich erstaunliche Allianzen. Deshalb haben wir Benediktiner in China – das erste Mal in unserer Geschichte – Krankenhäuser gebaut. So waren wir willkommen, konnten in Ruhe beten – und allen war geholfen.“

IMG_4339_(1024_x_768)Bei all den kirchlichen und weltlichen Geschäften blieb Abtprimas Notker Wolf ein geistlicher Mensch. „Das Gebet ist meine ganz persönliche Zeit. Egal, was ansteht, da unterbreche ich alles, um mich Gott zu widmen. Das ist aber dann eben auch meine Zeit, in der ich ganz ich bin und mich von Ihm her verstehe.“ – „Der Einsatz für Christus lohnt sich!“ Und: „Mein Lebenstraum wird von Gott erfüllt, auch wenn ich das derzeit noch nicht wirklich erkennen kann – ich kann ihm getrost mein Leben anvertrauen und brauche nicht selbst kurzfristige Erfolge erzwingen.“

Hingabe (Rom II)

CIMG4628_(800_x_600)Einer aus unserer Pilgergruppe fragte bei unserem Besuch in Sant’Anselmo Abtprimas Notker Wolf: „Warum treten heute so wenige in Benediktinerklöster ein?“ Bei uns bekommt man normalerweise auf so eine Frage die Antwort: Ja, es ist schlimm, die Klöster sind nicht mehr anziehend etc. Anders der oberste „Chef“ der Benediktiner: „Es gibt ganz unterschiedliche Situationen. In Afrika und Asien boomt das Mönchtum, da haben wir riesige Abteien mit hunderten von Mönchen. In Lateinamerika tun sich die Leute schwer, ein Leben lang an einem Ort zu bleiben. In den USA geht es vielen Klöstern recht gut, sie florieren. In Teilen Europas, da haben Sie recht, erleben wir einen Schrumpfungsprozess. Dort sind wir oft wirklich in der Krise.“

CIMG1973_(800_x_600) Und dann spielte Abtprimas Notker den Ball zurück und fragte, warum das so sei. „Ist Europa nicht müde geworden?“ Solche fast prophetischen Worte hört man selten – und der Abtprimas sagte mit nachdrücklicher Stimme zu den jungen Leuten vom Treffpunkt Benedikt: „Ich glaube wir haben die Hingabe verlernt. Sein Leben zu verschenken ist gerade in der jüngeren Generation nicht hoch im Kurs. Man fragt immer gleich, was mir das bringt. Aber ein freiherziger Mensch fragt auch, wo ihn die anderen brauchen, für was er sich einsetzen kann – koste es, was es wolle. Die Bereitschaft, alles zu geben, bringt dann auch ein erfülltes Leben.“

CIMG1698_(1024_x_768)Ich habe auf diese Weise noch niemanden so über die Hingabe und ihre Krise heute reden gehört. Wir gehen so selbstverständlich von uns und unserer Zeit aus, dass wir die Probleme und Krisen immer bei den anderen suchen. Alles soll der Staat, die Gesellschaft, bestimmte Institutionen für uns machen. Und wir? Worauf warten wir, damit es anders wird? Der Abtprimas der Benediktiner hat uns gütig angesehen, aber mit seinen Worten herausgefordert: „Wofür möchtet ihr brennen, euch einsetzen, die Welt verändern? Fragt nicht immer gleich, was ihr davon habt. Geht mutig voran! So wird die Kirche und Gesellschaft auch in unserem müden Mitteleuropa wieder kraftvoll und lebendig.“

Die Berufung des Abtprimas (Impuls von der Romreise I)

Die Pilgerfahrt von Treffpunkt Benedikt am Ende der Sommerferien hat uns viele wertvolle Begegnungen, Erlebnisse und innere Einsichten gebracht. Ich möchte einige davon in einer Reihe von Impulsen aufgreifen – zur Erinnerung für die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer und zur Anregung für die anderen, die nicht dabei waren.

Abtprimas_(800_x_600)Schon am ersten Tag gingen wir auf den Aventin nach Sant’Anselmo, dem weltweiten benediktinischen Zentrum. Neben dem benediktinischen Studienhaus (Collegio) und der Päpstlichen Hochschule (Athenäum) der Benediktiner ist dort der Sitz von Abtprimas Notker Wolf. Nach dem Amerikaner Marcel Rooney wurde im Jahre 2000 der Erzabt von St. Ottilien von den Äbten der ganzen Welt zum obersten Benediktiner gewählt.

Das lange Gespräch unserer Gruppe mit dem Abtprimas hat viele begeistert: „Bah, der hat wirklich was los!“ Eine fragte ihn, warum er selbst ins Kloster gegangen ist. Er habe als Jugendlicher die Geschichte eines Missionars gelesen, der viele Jahre ohne sichtbaren Erfolg auf einer Insel lebte, wo es das Christentum noch nicht gab. Der Stammeshäuptling sah im fremden Priester zunehmend eine Konkurrenz und ließ den Missionar ermorden. Jahre später kamen andere Missionare auf diese Insel. Die ganze Bevölkerung bat sie spontan um die Taufe mit der Begründung: „Wir wollen das glauben, was uns dieser Priester vorgelebt hat.“

Der heutige Abtprimas wollte also selbst Missionar werden und trat nach der Matura bei den Missionsbenediktinern von St. Ottilien (bei München) ein. Doch nach seiner Ausbildung sagte man ihm, er wäre gesundheitlich nicht fähig für die Mission. Da erinnerte er sich an die Geschichte des Missionars von der Insel, der den Erfolg seines Lebens nicht gesehen hatte: „Es kommt nicht darauf an, was ich aus meinem Leben mache. Gott wird schon was draus machen.“ So spezialisierte er sich in Philosophie und wurde Professor in Sant’Anselmo. Mit 37 Jahren wurde er zum Erzabt von St. Ottilien und damit zum Präses (Vorsitzenden) der Kongregation der weltweiten Missionsbenediktiner gewählt. Plötzlich war er, der immer Missionar werden wollte, aber es nicht konnte, Chef so vieler Missionare, die er in ihren Einsatzstellen besuchten und nach Kräften unterstützte. Besonders lag ihm das Engagement in China am Herzen.

Heute ist Notker Wolf der Repräsentant von 7.500 Benediktinern und 17.000 Benediktinerinnen in aller Welt. Er besucht die Klöster, versucht neue Initiativen zu setzen, fördert die Kommunikation in den Klöstern bzw. zwischen ihnen und die Evangelisierung des ganzen Ordens. Sein Rat an uns war: „Tut das, wozu ihr euch berufen fühlt und geht dann entschieden dort weiter, wo ihr hingestellt seid! Schaut dabei aber nicht auf den Erfolg, sondern überlasst getrost Gott, was er aus euch machen und durch euch vollbringen wird!“

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