Impulse Mai 2015

Absagen (13.05.2015)

Mit einem befreundeten Theologen, der auch Priester ist und damit ebenfalls mehrere Arbeitsfelder zu vereinbaren hat, sprach ich über das Thema Überforderung. Ich schilderte ihm, dass es mir nicht leicht fällt, Anfragen abzusagen, die ich eigentlich gerne tun würde und die auch sinnvoll wären. Dieses NEIN-Sagen müsse ich erst lernen. Da antwortete er ganz einfach: „Wenn Du etwas nicht zusagst, dann sagst du damit ein tieferes JA zu dem, was du tust und tun sollst.“ – Seit diesem Rat des Freundes, kann ich bewusster die Anfrage anschauen, sie gegenüber das stellen, was noch dran bzw. schon zugesagt ist – und dann oft ein befreiendes NEIN aussprechen, im Bewusstsein, zu den anderen Dingen damit ein freudiges JA zu sagen und so noch entschiedener ans Werk zu gehen.

Eispalatschinken (11.05.2015)

Franz, fr. Fabian, fr. Philipp und ich hatten kurzfristig beschlossen, dass wir am Abend nach dem Gebet um ca. 20:00 noch in unser Stiftsrestaurant gehen würden. Wir Benediktiner machen hin und wieder einen Abstecher über den Stifthof, in verschiedenen Gruppen, wie es sich spontan ergibt. Das ist dann immer eine nette Stunde im Gespräch, in dem wir über Gott und die Welt plaudern.

Doch bevor wir in die Schank gingen, war da noch das Gebet nach dem Abendessen. Auf die Vigillesung folgt immer eine längere Stille, die durch das Klopfen des Abtes beendet wird. Ich sah zu P. Franz herüber, der beim Gebet neben mir sitzt. Er dachte anscheinend schon daran, was nach der Komplet auf ihn wartet: Die Eis- oder Nachspeisenkarte zur Auswahl irgendeiner Köstlichkeit. So sah er mich erwartungsvoll an, ließ die Zunge über die Lippen gleiten und sagte plötzlich halblaut: „Eispalatschinke!“ Da war auch meine Andacht vorbei, und ich entschied, einen Kürbiskern-Eisbecher zu bestellen.

Gott ist wie eine Mutter, die … (07.05.2015)

In der Stimme des jungen Mannes lag eine große Belastung: „Wir waren bei Ihnen, bevor wir geheiratet hatten. Meine Frau ist schwanger, aber unser Kind hat ein großes medizinisches Problem. Morgen müssen wir wieder ins Spital. Können wir heute noch zu Ihnen kommen?“

Als sie vor der Kirche standen, sah ich viel Schmerz aus den Augen des jungen Paares treten. Ja, jetzt erinnerte ich mich wieder an sie. Wir sprachen und beteten. Wie weh es tut, ein Kind im Bauch zu haben, das vielleicht nicht überleben wird! Der Mann sprach immer von „wir“ – das fand ich schön: „Wir sind gerade in der 23. Schwangerschaftswoche.“ Gott muss sich ähnlich mit uns identifizieren, dachte ich nachher, als ich diesen Vater und seine schwangere Frau mit dem Segen entließ und davon gehen sah.

Morgen gehen sie ins Spital. Sie legten die kleine, ungeborene Tochter in die Hände Gottes. Wir haben darum gebetet, dass der Segen auf diesem Kind liegt. Ob es auf dieser Erde Schritte tut oder nicht – es liegt in seiner Hand. Die junge Mutter sagte dann auch nicht, dass sie bete, dass das Kind gesund wird. Das ist wohl ihr Anliegen, aber sie weiß, dass sie es verlieren kann. Was sie aber sagte, war dieses: „Hoffentlich wird es unserem Kind morgen im Krankenhaus nicht weh tun.“ Da dachte ich wieder an Gott und erahnte plötzlich, wie groß seine Liebe für uns sein muss – wie die einer Mutter zu ihrem gefährdeten Kind: Es geht mir nicht um mich, Hauptsache Dir geht es gut – wo auch immer!

Unter Bauarbeitern (05.05.2015)

Ich war eigentlich zum Almsee gefahren, um in Ruhe zu schreiben. Was ich fand war innere Unruhe und eine Baustelle: Im Forsthaus stehen Arbeiten an, und nach Monaten des Stillstands verwandelte sich das Haus zwischen See und Bergen ausgerechnet in dieser Woche zu einem geschäftigen Umschlagsplatz für Kabel, Pfosten und Mörtel. Weil ich ja unsere Wohneinheit endlich einrichten möchte und mithelfen sollte, dass im Forsthaus die neuen Pächter einziehen können, konnte ich mich nicht so einfach an den See zurück ziehen. Anfangs dachte ich mir, dazu sei ich doch nicht hergekommen. Wie ärgerlich! Rückblickend merke ich mir, die zwei Tage auf der Baustelle waren wichtiger als die mitgebrachten Bücher und zugesagten Schreibprojekte. Eine glückliche Fügung.

Ich lernte Arbeiter des Stiftes kennen, die ich noch nie bewusst wahrgenommen habe. Sie kannten mich, ich sie aber nicht. Anfangs war mir das peinlich, dann fühlte ich mich beschämt. Oder der Elektriker aus Grünau, der seit Jahrzehnten das Haus betreut und viel Wissen weiterzugeben hatte – „schön, ein Pater außer dem Forstmeister sich einmal für das interessiert, was wir hier Jahr ein, Jahr aus machen“. Unter seiner Anleitung lernte ich, wie die Fußbodenheizung im Bad reguliert werden kann oder wie wichtig es ist, dass wir die Stiftsmobiliar unserer Mieter katalogisieren und dokumentieren – sonst wird die Substanz immer weniger. Ich schleppte Kästen, suchte zusammengehörige Teile und ließ mir erklären, wo die Maschinen für den Forst stehen – ich hatte nicht einmal gewusst, dass man solche Geräte für den Wald überhaupt braucht.

Wie ahnungslos ich oft bin. Ich dachte, ich würde mich auskennen, weil ich Artikel schreibe, die Wissenschafter lesen, und Predigten halte, für die ich gelobt werde. In vielerlei Hinsicht habe ich keine Ahnung! Ich nahm an, der Strom käme einfach so aus der Steckdose, das Wasser fließe halt aus Leitungen und um eine Mauer aufzuziehen brauche man kein Hirn. Zwei, drei Tage unter Bauarbeitern haben mir gezeigt, wie wenig ich eigentlich von dieser Welt verstehe. Und ich habe erfahren dürfen, wie viele für das Stift Kremsmünster arbeiten, mitdenken, im Hintergrund sicherstellen, dass alles gut läuft – auch wenn sie selbst nichts davon haben. Aber auch, dass man Abläufe des täglichen Lebens verstehen und an ihnen teilhaben sollte, selbst wenn man in anderen Bereichen eingesetzt ist; Dinge wie Bauarbeiten, Einsatz fremder Firmen laufen nur dann gut, wenn sich „die da oben“ nicht von ihnen verabschieden, sondern mitdenken, anscheinend blöde Fragen stellen, um so zu Lösungen beizutragen, auf die die Leute vom Fach dann auch nicht einfach so gekommen wären.

Gehetzt (04.05.2015)

IMG_6523Die vielleicht 50-jährige Frau tauchte am Seeufer auf. Sie wollte den Sonnenuntergang wohl noch erleben. Ich hatte gerade die Vesper auf einer Bank sitzend fertig gebetet. Nun schaute auch ich einfach so vor mich hin, in den blauen Himmel, betrachtete die schneebedeckten Berge, die Sonne, wie sie sich im Wasser spiegelt und beobachtete die Wasservögel. Tagsüber hatte es geregnet, nun war die Luft ganz klar, die Abendsonne leuchtete besonders intensiv.

Ich dachte, die Frau würde das jetzt in sich aufsaugen. Doch sie war nicht gekommen, um diesen einmaligen Anblick zu genießen, um diese atemberaubende Stimmung aufzunehmen, sondern um schnell ein paar Fotos zu machen. Gehetzt lief sie herum: die Berge von diesem Winkel – klick: zwei, drei Fotos, dann die Enten, die untergehende Sonne. Alles wurde eingefangen. „Wer sollte das ansehen?“, dachte ich. Nach jedem Foto schaute sie prüfend auf ihre kleine Kamera, ob das Foto eh eingefangen hatte, was sie selbst nur im Vorbeigehen erahnen konnte. Armer Ehemann, arme Kinder, arme Freundinnen – solche Fotos gibt es doch unzählige, wen interessiert das? Aber diese Momente einfach nur still da zu sitzen, hätte sich das für die Frau nicht mehr gelohnt?

IMG_6535Da war sie auch schon wieder weg. Ich beobachtete weiter die untergehende Sonne und wie sich die Landschaft gemächlich zur Ruhe setzte. Da dachte ich über meinen eigenen Tag hier am Almsee, über diese Tage der Auszeit, die ich mir nahm, während die Novizen auf der österreichischen Novizenwoche in St. Pölten sind. Ich war mit vielen Büchern gekommen, wollte einen wissenschaftlichen Artikel schreiben und zwei Buchbesprechungen. Alle drei Dinge hatte ich schon lange zugesagt, nun muss ich sie endlich erledigen. Und dann heute überfiel mich am Nachmittag ein Gefühl seltsamer Einsamkeit, ich wollte irgendwie ausbrechen aus der Stille. Im Kopf hetzte ich herum wie die Frau mit ihrer Kamera.

Merkwürdig, wie wir Menschen gehetzte Wesen sind. Blaise Pascal hatte recht: Condition de l’homme: inquietude, ennui, inconstance. – „Zustand des Menschen: Unruhe, Langeweile, Unbeständigkeit.“ Das merke ich am Almsee, wenn die erhabenen Gefühle des Alleinseins umschlagen zu bedrängenden Zuständen der Einsamkeit. Kein Fernseher, kein Internet, kein CD-Player, kein Smartphone. Versucht bin ich dann, das Notfallhandy zu Allerweltsgesprächen zu nutzen oder gar wegzufahren. Ausgeharrt zu haben, ja das war dann doch wieder ein erhebendes Gefühl. Pascal sagte auch: Wir schwanken zwischen Größe und Elend des menschlichen Daseins hin und her. Zwischen Ruhe und Gehetztsein.

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