Impulse Mai 2014

Die Welt, wie wir sie sehen (26.05.2014)

Wir sind wie so oft im Kloster in kleiner Runde nach dem Mittagessen beisammen gewesen. Unser Pater David, der zwar klein von Statur ist, aber ein großes Herz hat und mehr durchschaut als viele mit einem Doktortitel, sah plötzlich von seiner Kaffeetasse auf und sprach in eine Sprechpause hinein: „Wir sehen die Menschen und Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.“ Uns blieb der Mund offen. Er fügte hinzu: „Ludwig Wittgenstein. Diesen Satz von ihm habe ich heute gelesen. Großartig, nicht?“ Und dann kam das verschmitzte Lächeln von P. David, das ich so gern habe, und die zu erwartenden selbstironischen Worte: „Naja, vielleicht doch nicht so wichtig. Ich bin ja nur ein Landpfarrer.“

Was P. David da so zwischendurch einwarf, passt wunderbar zum vor-vorletzten Impuls über die leider häufig anzutreffende Verleumdung: „Wir sehen die Menschen und Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.“ Dieser Satz hilft, unfaire Urteile, gemeines Gerede und negative Stimmungsmache gegen jemanden (Abwesenden) zu hinterfragen. Wie einer den anderen sieht sagt mehr über ihn aus als über den anderen.

Natürlich gibt es objektives Verhalten und Charakterschwächen, die den irgendwie allen auffallen. Die postmoderne Beliebigkeit weicht in verschiedenen Zusammenhängen heute einem „neuem Realismus“, wie er z.B. in der Architektur oder Philosophie derzeit diskutiert wird. Es gibt das Objektive und das Wahre, das wir auch erkennen können. Und wir dürfen uns selbstverständlich über andere austauschen und sagen, was uns stört, wie wir jemanden sehen, wo wir Gefahren wittern.

Die Frage ist nur, wie wir über andere reden. Die hinterhältige und zerstörerische Verleumdung müssen wir enttarnen, d.h. als das entlarven, was sie ist:  Ehrabschneidung, wie es früher geheißen hat. Und da hilft Wittgensteins Satz: „Wir sehen die Menschen und Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.“ Das ist natürlich vor allem auch eine Anfrage für jeden von uns ganz persönlich: Trage ich dieser Einsicht Rechnung oder verallgemeinere ich zu schnell? Tue ich so, als wäre meine Weltsicht schon die objektive Realität, jene Wirklichkeit, wie sie auch für die anderen gelten muss?

Zeit haben (21.05.2014)

Eine Freundin von mir hat das Gefühl, dass ich mir für die wichtigen Dinge im Leben nicht genug Zeit nehme. Sie hat wohl recht, und da fällt mir der schöne Satz ein, den ich einmal gehört habe: „Zeit haben ist keine Frage der Zeit, sondern der Liebe.“ Sie hat mir diese Geschichte geschickt. Sie ist lange, loht sich aber, dass sie aufmerksam gelesen wird:

Eines Tages hält ein Zeitmanagementexperte einen Vortrag vor einer Gruppe Studenten, die Wirtschaft studieren. Er möchte ihnen einen wichtigen Punkt vermitteln mit Hilfe einer Vorstellung, die sie nicht vergessen sollen. Als er vor der Gruppe dieser qualifizierten angehenden Wirtschaftsbosse steht, sagt er: „Okay, Zeit für ein Rätsel“.

Er nimmt einen leeren 5-Liter Wasserkrug mit einer sehr großen Öffnung und stellt ihn auf den Tisch vor sich. Dann legt er ca. zwölf faustgroße Steine vorsichtig einzeln in den Wasserkrug. Als er den Wasserkrug mit den Steinen bis oben gefüllt hat und kein Platz mehr für einen weiteren Stein ist, fragt er, ob der Krug jetzt voll ist. Alle sagen: „Ja“. Er fragt: „Wirklich?“ Er greift unter den Tisch und holt einen Eimer mit Kieselsteinen hervor. Einige hiervon kippt er in den Wasserkrug und schüttelt diesen, sodass sich die Kieselsteine in die Lücken zwischen den großen Steinen setzen.

Er fragt die Gruppe erneut: „Ist der Krug nun voll?“ Jetzt hat die Klasse ihn verstanden und einer antwortet: „Wahrscheinlich nicht!“ „Gut!“ antwortet er. Er greift wieder unter den Tisch und bringt einen Eimer voller Sand hervor. Er schüttet den Sand in den Krug und wiederum sucht sich der Sand den Weg in die Lücken zwischen den großen Steinen und den Kieselsteinen. Anschließend fragt er: „Ist der Krug jetzt voll?“ „Nein!“ ruft die Klasse. Nochmals sagt er: „Gut!“

Dann nimmt er einen mit Wasser gefüllten Krug und gießt das Wasser in den anderen Krug bis zum Rand. Nun schaut er die Klasse an und fragt sie: „Was ist der Sinn meiner Vorstellung?“ Ein Angeber hebt seine Hand und sagt: „Es bedeutet, dass egal wie voll auch dein Terminkalender ist, wenn du es wirklich versuchst, kannst du noch einen Termin dazwischen schieben“. „Nein“, IMG_1709antwortet der Dozent, „das ist nicht der Punkt. Die Moral dieser Vorstellung ist: Wenn du nicht zuerst mit den großen Steinen den Krug füllst, kannst du sie später nicht mehr hineinsetzen. Was sind die großen Steine in eurem Leben? Eure Kinder, Personen, die ihr liebt, eure Ausbildung, eure Träume, würdige Anlässe, Lehren und Führen von anderen, Dinge zu tun, die ihr liebt, Zeit für euch selbst, eure Gesundheit, eure Lebenspartner? Denkt immer daran, die großen Steine ZUERST in euer Leben zu bringen, sonst bekommt ihr sie nicht alle unter. Wenn ihr zuerst mit den unwichtigen Dingen beginnt, dann füllt ihr euer Leben mit kleinen Dingen voll und beschäftigt euch mit Sachen, die keinen Wert haben und ihr werdet nie die wertvolle Zeit für große und wichtige Dinge haben.“

Heute Abend oder morgen Früh, wenn du über diese kleine Geschichte nachdenkst, stelle dir folgende Frage: Was sind die großen Steine in deinem Leben? Wenn du sie kennst, dann fülle deinen Wasserkrug zuerst damit.

Angegriffener Glaube (20.05.2014)

Im Zuge meiner Vorbereitungen für eine Vorlesung an der Universität Salzburg habe ich in der Lebensbeschreibung des Hl. Antonius, die Erzbischof Athanasius von Alexandrien in der Mitte des 4. Jahrhunderts schrieb, folgende Stelle gefunden: „Die zu Christus gehören, werden verfolgt – doch um wieviel mehr blüht und wächst unser Glaube als der eure!“ Das sagte Antonius zu ungläubigen Philosophen und fügte hinzu: „Euer Gedankengut wurde niemals verfolgt, im Gegenteil, es wird von Menschen in jeder Stadt in Ehren gehalten.“

Interessant! Wenn unser Glaube verfolgt wird, kann das ein Gütezeichen sein, dass er echt ist und den Menschen nicht nur nach dem Mund redet wie das rein weltliche Denken. Christlicher Glaube steht immer auch der Welt und vor allem dem Zeitgeist entgegen. Natürlich müssen wir uns stets fragen, ob nicht unsere eigenen Einbildungen und Verschrobenheiten dazu führen, dass unser Glaube abgelehnt wird. Aber es gibt so etwas wie die Verachtung gegenüber Gläubigen, die daher rührt, dass das Heilige und Wahre unbequem ist und zurecht Anstoß erregt. Das sehen wir ja ganz deutlich bei den Reaktionen gegenüber Jesus bis hin zur menschenverachtenden Geißelung und Kreuzigung („Er, der keine Sünde kannte …“).

Antonius sagt weiter: „Die Lehre Christi, von euch verspottet und von den Kaisern vielfach verfolgt – sie hat längst den Erdkreis erfüllt. Wann hat die Gotteserkenntnis je so stark geleuchtet? Wir brauchen nur die Märtyrer anschauen, die um Christi willen den Tod verachten. Wir brauchen nur die Jungfrauen der Kirche anschauen, die um Christi willen ihre Leiber rein und unbefleckt erhalten.“ Ist das nicht auch heute so, dass über jene, die den Glauben ernst nehmen gespottet wird, besonders auch über Zölibatäre, also das Christentum Anstoß erregt – aber gerade dadurch stark ist?

Verleumdung (14.05.2014)

Immer wieder bekomme ich mit, wie jemand heruntergemacht wird. Meistens geschieht das, wenn mehrere Menschen zusammen sind und über einen Abwesenden sprechen. Da kommen dann lockere Bemerkungen, die in die anderen doch einsickern und das Bild des Abwesenden, der sich nicht wehren kann, prägen. Ich habe auch schon einige Male über mich von Dritten etwas gehört, was mir angedichtet wurde, ich so aber sicher nicht gesagt habe (oder zumindest nie intendierte) und mir anscheinend schaden sollte. Anstatt Rücksprache mit der Person zu halten, der man etwas ankreidet, tritt man angebliche Aussagen oder Taten vor anderen breit – und beschädigt damit jemanden. Das geschieht gar nicht selten. Halten wir uns nur vor Augen, wie viel in einer Woche in unserer Gegenwart schlecht über andere gesprochen wird. Leider sind wir auch oft mitschuld oder tun jedenfalls nichts dagegen.

Ich beschäftige mich an den frei bleibenden Abenden gerade mit Shakespeare. In einigen Theateraufführungen habe ich das schon eindrucksvoll beobachten können, und nun lese ich bei Hamlet diese Dynamik: Einer sagt über den anderen zu einem Dritten eine Unwahrheit – und dieser glaubt das gleich und sieht von nun an diesen anderen mit neuen Augen. Er traut ihm nicht mehr, und egal was der andere sagt und tut, das Vorurteil oder die falsche Information erhärtet sich zunehmend. In den Stücken von Shakespeare bringt das dann großes Unheil. Im Theater oder beim Lesen würde man gerne einschreiten und den Protagonisten einfach sagen: Redet doch mit demjenigen, bevor ihr die falsche Anschuldigung glaubt! Aber sie tun es nicht, glauben gleich alles, und die Verleumdung zieht ihre Kreise. Wie in der Wirklichkeit.

Wir können durch entschiedenes Denken und Handeln solchen Verleumdungen entgegentreten. Sobald jemand etwas Negatives sagt (vor allem im lockeren Beisammensitzen), sollten wir uns vor Augen halten: „Das sagt jetzt mehr über den aus, der gerade spricht, als über den Menschen, über den er spricht.“ So habe ich es kürzlich gemacht – und es hat geholfen. Was immer an der Sache und an dem Vorwurf dran war: Der Abwesende wurde für mich nicht besudelt, weil ich mich fragte: Warum sagt der eine das über diesen? – Natürlich müssen wir uns über Probleme und schwierige Menschen mit anderen austauschen können. Ich rede auch mit einem Freund über jemanden, den ich unmöglich finde. Aber das geschieht dann (hoffentlich!) in Form der Aussprache, der freundschaftlichen Mitteilung, nicht aber mit dem Ziel, jemanden schlecht zu machen. Und gerade das steckt hinter Verleumdungen. Deshalb mein Rat, der bei mir jedenfalls funktioniert hat: Zieht jemand über einen anderen vor einem Publikum oder auch gezielt vor einer einzigen Person her, dann halte Distanz, folge nicht sogleich den Worten, sondern frage dich, warum der jetzt so redet. Meistens sagt so etwas mehr über den aus, der schlecht über einen anderen redet, als es darüber etwas aussagt, wie der andere wirklich ist.

Impuls (08.Mai 2014)

Diesen Beitrag schrieb P. Bernhard für den 27. April, kurz bevor er mit Schülern nach Frankreich fuhr. Durch ein Missgeschick sendeten wir ihn nicht rechtzeitig aus – ihn zu lesen lohnt sich aber dennoch; das Thema bleibt aktuell:

Katholiken auf die Beine!

Wir regen uns schnell auf, wenn Religion an die Seite gedrängt wird und die Kirche im öffentlichen Leben schlecht weg kommt. Auch ich bemerke zuweilen eine unfaire Haltung gerade gegenüber der katholischen Kirche. Aber treten wir auch geschlossen und überzeugt auf?

Es gäbe genügend Möglichkeiten, zu zeigen, dass christliche Inhalte wieder neu gefragt sind. Aber wir verschanzen uns da lieber. Ein Mitbruder hat mir erzählt, dass der grandiose Film „Von Menschen und Göttern“, der sehr sensibel das Leben von Mönchen zeigt, in einem großen Linzer Kino kaum Zuseher hatte und vorzeitig abgesetzt werden musste. Ich erlebte während eines Sprachkurses in Frankreich, dass dieser Film dort von der Kirche derart ins Gespräch gebracht wurde, dass auch nicht Kino erfahrene Gläubige vor die Leinwände strömten. In Sonntagsgottesdiensten und Kirchenzeitungen wurde der Film groß beworben.

Anscheinend ist unsere Kirche vor Ort zu müde dafür, überhaupt noch mobilisieren zu können (außer gegen die angeblich so stockkonservative Kirchenlinie). Jüngstes Beispiel: Bachs Johannes-Passion musste im Brucknerhaus in der Karwoche vor halb leerem Haus aufgeführt werden. Und die zutiefst religiöse Oper „Dialog der Karmelitinnen“ von Poulenc (nach Vorlagen von Gertrud von le Fort und George Bernanos) fand im Landestheater vor einigen Jahren nur wenige Besucher. Es war fast peinlich, wie leer das Große Haus bei diesem grandiosen Werk war. Was wäre gewesen, wenn diese berührende und leicht zuträgliche moderne Oper aufgrund katholischer Mobilisierung so besucht worden wäre, dass zusätzliche Vorstellungen eingeschoben hätten werden müssen? Was diese Oper religiös kann, sieht man etwa im Finale, wo die Ordensschwestern zur Hinrichtung schreiten und dabei das Salve Regina singen – bei You-tube nachzusehen:

www.youtube.com/watch?v=e2ubBODy4N0

Nun gibt es einen neuen Anlass, wo sich zeigen könnte, dass Katholiken doch noch etwas bewegen können: Die Kinokette Cineplexx zeigt am Sonntag die Heiligsprechung zweier Päpste bei freiem Eintritt in einem großen Kinosaal. Siehe: www.cineplexx.at/Content.Node/at/events/_items/Papst_Heiligsprechung_live_vom_Petersplatz.de.php

Was, wenn der Andrang so groß wäre, dass dies selbst die Veranstalter wundert …? Also nichts wie hin ins Kino am Linzer Hafen!

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