Impulse Juli 2014

Brüder und Schwestern?

In einer Eucharistiefeier hat kürzlich wieder jemand nur „Brüder“ gesprochen, als er begann eine Passage aus einem Paulusbrief vorzulesen. Ich habe ihn nachher angeredet und das empfohlen, was ich meinen Lektoren bei der Sonntag-Abendmesse in der Stiftskirche immer sage: Warum nicht einfach das „Brüder“ streichen und gleich mit dem Text beginnen? In der Bibel sind die Briefe ja auch nicht dauernd mit der Anrede „Brüder!“ durchsetzt. Ich finde es auch kraftvoller, wenn gleich der Text einsetzt nach dem „Aus der Lesung aus dem Brief …“. Angesprochen sind wir ja sowieso alle, das ist ja auch sonst in der Liturgie so.

Deshalb steht hin und wieder „adelphoi“ in diesen Briefen – um das bewusst zu machen. Wörtlich heißt es „Brüder“, aber es kann durchaus mit „Brüder oder Schwestern“ übersetzt werden, weil alle angesprochen sind, nicht nur die Männer. „Brüder und Schwestern“ findet sich z.B. in der New American Bible, der offiziellen Übersetzung der katholischen Kirche für die USA – übrigens von der Glaubenskongregation bestätigt. Das alleine muss genügen, um bei Lesungen „Brüder und Schwestern“ zu sagen. Es ärgern sich sonst immer einige Frauen in den Kirchenbänken, und genau das sollte die Liturgie nicht auslösen. „Denn niemand soll verwirrt oder traurig werden im Hause Gottes.“ (RB 31,19)
IMG_1804Also immer bitte „Brüder und Schwestern“ lesen oder einfach – wie ich es gerne empfehle – die Anrede, die das Lektionar einfach oft hinzugefügt hat, weglassen! Übrigens: Die Zeile darüber – immer ein einprägsamer Satz aus der Lesung – soll nicht gelesen werden. Dieser Satz ist nur zur schnellen Identifizierung des Textes für den Lektor oder Prediger oder die Auswahl bei mehreren Lesungen zu konkreten Anlässen gedacht, aber nicht zum Vorlesen. Alle Sätze sind Wort Gottes, und da soll kein Satz hervorgehoben werden.

Martina im Postulat (15.07.2014)

Martina-Juni-14-w3Ich habe schon einige Impulse über Martina geschrieben, die fast fünf Jahre monatlich zum Treffpunkt Benedikt kam, an diversen Wallfahrten teilgenommen hat und viele von Euch persönlich kennen. Sie war jetzt ein Jahr Kandidatin bei den Missionarinnen der Nächstenliebe in Rom. Nun ist sie als Postulantin aufgenommen worden und lebt in einer anderen Gemeinschaft der Mutter-Teresa-Schwestern im Zentrum Roms, dort, wo Gregor der Große aus seinem Familienbesitz das Andreaskloster bauen ließ, direkt neben dem Circo Massimo und gegenüber vom Palatin.

Martina hat ihrer Familie einen Brief geschrieben. Wie immer, wenn ich hier Auszüge aus e-mails oder Briefen bringe, habe ich vorher um Erlaubnis gebeten. So darf ich Euch teilhaben lassen an Zeilen von Martina, die mich wieder tief berührt haben und uns alle aufs Wesentliche richten können: Hier einige Auszüge aus ihrem längeren Brief:

… Ich bin überglücklich und zufrieden, zu sein, wo ich gerade bin – im WEISSEN SARI sitzend in unserem Postulantinnenkonvent. … Rundherum viele alte Gebäude. Irgendwie traumhaft, doch haben wir Postulantinnen nicht wirklich Zeit, um alles zu betrachten. Das machen für uns die Touristen. … Unser Apostolat ist im Heim für Obdachlose, ungefähr 60 Männer wohnen dort. Schön zu sehen, wie die Bewohner oft Rosenkranz betend!!! im Zimmer sitzen. Oder sie warten in der Früh vor der Kapelle, um Jesus zu grüßen und zu beten, sobald die Schwester aufsperrt. Auch ganz besonders ist, die Bewohner singen zu hören – mit Leib und Seele. … Als ich gestern einen Bewohner fragte, wie es ihm gehe, sagte er: „Es geht mir exzellent, Sister!“ Ob er satt sei? „I am happy to get anything to eat, Sister!“ Jesus ist sooo gegenwärtig hier: im Tabernakel und in den vielen, die zu unserem Haus kommen – the least, the forgotten, die meisten ohne Familie und Freunde. Ich sehe, was das für ein Privileg ist, hier zu sein. All die gebrachten Opfer sind ein Klacks verglichen mit der Fülle, dem Hundertfachen, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. … Ich beginne hier ein neues Leben, verlasse die Welt, lasse zurück alles für Jesus („Tschüss“ blauer Rock).

Ich sehe, dass das jetzt mein Platz ist, meine Zukunft, die Gott für mich vorbereitet hat. Der Orden ist meine Familie, Jesus mein Bräutigam. 3 Jahre ganz in weiß zu gehen (Postulat + Noviziat) ist wirklich ein Traum.

Danke soviel!!! für euer Verständnis, sodass ich Jesu Ruf folgen kann – Missionarin zu sein mit ganzem Herzen. Alles und ganz für Jesus!

JESUS made Himself the Bread of Life that we may have life.

He is living, He is loving, He is there.

He is the cause, He is the maker, He is the giver of this joy, of this peace, of this love.“

(Mutter Teresa)

Die letzte Chance (13.07.2014)

Bei der Ökumenischen Sommerakademie hatte ich Gelegenheit zu vielen guten Gesprächen. Z.B. war ich quartierte ich eines Abends Cesare Zucchoni, Generalsekretär der Laiengemeinschaft Sant’Egidio in Rom, ein. Wir waren in seinem Zimmer und redeten über dieses und jenes, kennen wir uns ja schon seit 12 Jahren; immer wenn ich mit einer Gruppe in Rom bin, treffe ich ihn oder jemanden, den er vermittelt. Ich schätze diese großartige neue Bewegung, die sich so um die Armen kümmert und für den Frieden einsetzt.

Eindrucksvoll fand ich etwa, was er zur derzeitigen Lage unserer Kirche sagte: „Es ist erstaunlich, welche Kräfte unter Papst Franziskus geweckt werden. Das ist unsere letzte Chance.“ Und dann schaute er nachdenklich auf den Boden, blickte mir tief in die Augen und fügte hinzu: „Aber, Bernhard, ich sehe die Gefahr, dass wir diese Chance in Europa nicht nützen. Wir blockieren uns selbst, indem wir die Säkularisierung an die Wand malen. Und wir beschäftigen uns lieber mit irgendwelchen innerkirchlichen Themen der Selbstbeschäftigung, damit wir uns ja nicht ändern müssen und hinaus gehen – mit Christus in diese Welt.“

Schwieriger Glaube (10.07.2014)

Im vorigen Impuls habe ich unter dem Titel „Bewährungsprobe“ die Probleme im Glaubensleben wieder einmal aufgegriffen, wie ich sie gerade bei jungen Menschen erlebe, die jahrelang tief im Glauben standen und plötzlich das Gefühl haben, sie würden etwas verlieren. Nun hat mir Viktoria Bössenroth aus Braslien geschrieben. Die 25-Jährige Physiotherapeutin ist mit ihrem Mann Benjamin (33) ein Jahr in der Diözese Barreiras, wo Kremsmünsterer Patres und die Schwestern von Steinerkirchen jahrelang Missionsarbeit geleistet haben. Vicky und Ben sind aktiv in Gebetsgruppen, kamen öfters aus Bayern auch zum Treffpunkt Benedikt und erleben ihre Zeit in der armen Kirche Lateinamerikas als große Herausforderung, die sie im Glauben aber wirklich weiterbringt und im Leben reich beschenkt.

Vicky hat mir erlaubt, ihren Brief hier zu bringen; sie hatte etwas überlegt, ob ihre Zeilen nicht missverstanden würden. Lest sie also als einen Beitrag, der natürlich nie die ganze Breite beleuchten kann und alle Aspekte gleichermaßen zur Geltung bringt. Er ist aus einer konkreten Situation entstanden – und antwortet auf einen konkreten Impuls von mir:

Lieber Bernhard, vielen viel Dank für deinen letzten Impuls. Ja, wir verfolgen deine Impulse von hier aus unregelmäßig, aber doch konstant. Du hast mir richtig aus der Seele gesprochen.

Ben und ich sind hier in Brasilien auch mehr oder minder gleichzeitig durch einen Glaubensdurchhänger durchgetaucht, ein Gefühl der Leere, bei mir auch ein bisschen so wie eine Glaubenspubertät in der man plötzlich alles in Frage stellt…

Wie auch immer, und mir ging‘s zu der Zeit auch so, dass ich z.B. viele Publikationen auf Facebook, von charismatischen Freunden, die alles immer nur als sonnig und wunderbar darstellen, usw. usw. irgendwann auf die Nerven gingen. Genauso, wie du‘s andeutest. Darin sehe ich auch ein bisschen die Schwäche der charismatischen Bewegungen – im Umgang mit Problemen. Ja, sie reden schon davon, dass es welche gibt, aber ich hatte zumindest immer das Gefühl, dass, wenn ich im Glauben Probleme habe, es dann eher an mir und meiner Einstellung liegt, und dass ich nicht hinhören will, und ich mehr oder minder „Schuld“ wäre. Es mag schon sein, dass da auch Wahrheit drin liegt.

 Aber für mich hab ich diese Monate in Brasilien erfahren dürfen, auch in der Hilfe der geistlichen Begleitung hier, dass man diese Phasen nicht „bearbeiten“ kann, sondern durchtauchen muss. Konstant im Gebet bleiben, auch wenn‘s „hohl“ ist – und warten. Und zulassen! Eine tolle Antwort war auch, dass diese Phase des den Glauben in Frage-Stellens ich dazu nutzen soll, mir diese Fragen in der Bibel zu beantworten, und dies dadurch den Glauben vertiefen kann.

Und ich finde es irgendwie ziemlich cool, jetzt auch über deinen Impuls nochmal Bestärkung darin zu bekommen. Ich glaube auch, dass es wahrscheinlich mehreren so geht.

Daher vielen vielen Dank! 

Alles Liebe, Gottes Segen (und auch liebe Grüße vom Ben), Vicky

Was Vicky hier schreibt, muss man auch unter den Entwicklungen sehen, die sie und unsere Patres in Südamerika erleben: In Brasilien setzen charismatisch-freikirchliche Gruppen der katholischen Kirche ziemlich zu. Diese neuen pfingstlichen Bewegungen zeigen uns Defizite unseres Glaubens und Kirche-Seins. Sie haben aber auch große Gefahren, weil der Glaube dort sehr einfach gezeichnet wird, alles heilbar und machbar scheint, wenn man nur genug glaubt. Probleme im Glauben werden da oft ausgeklammert. Aber das kann eben nicht auf Dauer halten. Ich halte es als eine Versuchung, zu schnell das Wirken des Heiligen Geistes dingfest machen zu wollen. Die Kirche war zurecht immer vorsichtig, Visionen und innere Bilder, Heilungen und Wunder zu sehr als Wege zu einem „beweisbaren Glauben“ zu sehen.

Da finde ich Vickys Zeilen ganz wichtig – für uns alle: Der Glaube geht durch verschiedene Phasen hindurch, manchmal haben wir das Gefühl etwas zu verlieren, um dann später zu entdecken, dass uns gerade dadurch Gott zu einer neuen Beziehung führen will.

So finde ich Vickys Begriff der „Glaubenspubertät“ genial. So wie es eine Loslösung vom Elternhaus bei Teenagern gibt, erfolgt zeitgleich oder dann später in den 20er oder 30er Jahre des Lebens ein Wandel im persönlichen Glauben: Was bisher Halt gab, rutscht plötzlich weg. Und Gott lasst das zu (so wie gute Eltern), weil erst dadurch die Beziehung auch im Erwachsenenalter bestehen bleiben kann. Er lässt uns los – und wir dürfen ihn anders finden. Er verbirgt sich nämlich! Wie Vicky und Ben und viele andere gerade erfahren. Das kann sich als großer Segen erweisen!

 

Bewährungsprobe (03.07.2014)

Viermal im Jahr treffe ich mich mit Studienkollegen, um ein vereinbartes Buch einen Nachmittag lang durchzudiskutieren. Wir wählen für unseren Lesekreis philosophische, theologische, naturwissenschaftliche und literarische Werke, die ich sonst zumeist nie gelesen hätte. Das macht die Gedanken frisch und führt über das hinaus, was mich ohnehin beschäftigen würde. Und es ist spannend, wie die anderen das von jedem gelesene Buch sehen, welche Stellen sie gut, welche sie fragwürdig finden.

Das jüngste Buch, das wir uns als Lektüre aufgegeben und dann gemeinsam durchgeackert haben, ist von Johannes Marböck, Faszination Bibel (Tyrolia-Verlag 2014). Einer der vielen Sätze, der mich zum Nachdenken brachte, ist der von Marie Luise Kaschnitz: „Die Sprache, die einmal ausschwang, dich zu loben, zieht sich zusammen, singt nicht mehr.“ Marböck zitiert die Dichterin im Kapitel über die Psalmen. Dort nimmt die Klage einen ebenso großen Stellenwert ein wie das Lob Gottes. Marböck schließt an: „Charismatischer Überschwang mag dazu beigetragen haben, dass das Gotteslob in Misskredit und Illusionsverdacht gekommen ist.“ (S. 93)

Ich denke diesen Satz des früheren Professors für Altes Testament, leidenschaftlichen Predigers und Priesters sollten wir ernst nehmen. Wenn wir beim Treffpunkt Benedikt oder in Gebetsgruppen laut und innig Loblieder singen, so ist das gut und wichtig. Das braucht unsere Kirche, die im Gottesdienst zu wenig das Herz anspricht und gerade für junge Leute fad geworden ist. Aber wir müssen uns vor Augen halten, dass unser Leben auch aus herben Seiten und schwierigen Erfahrungen besteht. Das dürfen wir durch Loblieder nicht zudecken. Immer wieder kommen auch junge Menschen zu mir, die sich mit dem Glauben schwer tun, hadern und Angst haben, das zu verlieren, das ihnen in jungen Jahren viel bedeutet hat. Sie stößt oft das himmelhochjauchzende Singen ab, sie halten die Predigten nicht aus, die so tun, als ob der Glaube keine Probleme kennen würde. Da kann ich mir schon vorstellen, dass ein übertriebener Überschwang das Gotteslob ins schiefe Licht setzt, wenn es nur aus Halleluja und „Groß und mächtig ist unser Gott“ besteht. Wir sollen und müssen diese Lieder singen, aber genauso still und fragend den scheinbar schweigenden Gott anbeten, die Klagen unseres Lebens zu ihm erheben und zulassen, dass es uns die Sprache verschlägt. Das ist dann der Ernstfall des Glaubens – und die Bewährungsprobe für unser persönliches und gemeinschaftliches Gebet.

Am Ende des Kapitels über die Psalmen betont Johannes Marböck übrigens, dass als letztes Wort im Psalter „Halleluja“ steht. (S. 96) Das heißt, wir dürfen bei all unserem Loben und Preisen, Klagen und Zweifeln vertrauen, dass letztlich, wohl zur Gänze erst ein einer vollendeten Welt („Himmel“), das „Halleluja“ aus voller Kehle gesungen werden kann. Bis dahin sind wir im Auf und Ab unseres Lebens unterwegs – und dürfen trotzdem singen, wie der hl. Augustinus sagt: „Singe, aber mach dich auf den Weg!“

2 Antworten zu “Impulse Juli 2014

  1. Jesus is living, Jesus is loving, Jesus is there. Befreie uns Jesus, erbarme dich aller Leidenden und Sterbenden und bleibe bei uns alle Tage bis zum Ende der Welt. Amen- Shalom—-

  2. Ingrid Oberpeilsteiner

    es berührt mich sehr, zufällig bin ich auf diese Seite gestossen und vieles geht mir durch den Kopf und durch mein herz und ich frag mich, wie leb ich?
    Es ist der Vorteil der Jugend so begeistert zu sein und ich/wir (Erwachsene) brauchen diese Begeisterung um sich anstecken zu lassen, um sich berühren zu lassen und offen zu werden für das, was möglich ist, wenn mit ganzen Herzen geglaubt wird und dies auch nach aúßen sichtbar und spürbar wird. Tragen wir Erwachsene es zu sehr in uns?
    Für mich geht es darum den Alltag glaubwürdig und aus meinem Herzen raus zu leben und das ist oft still und leise und die Begeisterung?
    die lassen wir den Jungen über, oder?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s