Impulse Dezember 2014

Ruhe! (29.12.2014)

Ich habe Weihnachten im Bett verbracht. Ja, wirklich: Der Darminfekt nach dem Klassentreffen der Maturanten von 2008 am 23. Dezember hat mich vier Mal aufs WC gezwungen, wo ich mich vier Mal übergeben musste (welch schreckliche Minuten, wenn der Mageninhalt nach oben kommt) und der Durchfall den Darm endgültig ausräumte. Dann über 38 Grad Fieber am Weihnachtsabend. Keine Kindermette in Maria Laah, keine Mitternachtsmesse in Meggenhofen. Die Predigten blieben am Schreibtisch liegen. Kematen am Christtag war auch nicht möglich. Gut, dass ich liebe Mitbrüder habe, die mich nicht nur besuchen kamen und aufheiterten, sondern mir auch diese Messen wie selbstverständlich abnahmen, auch wenn es sie in zeitliche Not brachte, alles noch umzustellen und zu schauen, wer dann die Aushilfen in den Pfarren wie kombinieren kann.

Typisch ich: Ärger, Frust – warum ich jetzt krank bin? Dann, als es körperlich wieder besser ging: Eine Erleichterung! Wie viele hätten gerne das Gefühl, dass sie wieder ganz hergestellt würden. Und dann muss ich mir von meiner säkularen deutschen Wochenzeitung im Kommentar auf der Titelseite sagen lassen, was mir mein Körper eigentlich signalisiert hätte, würde ich auf ihn gehört haben:

„Und plötzlich merkt man, wie müde man ist, wie erledigt, gleich einem Marathonläufer auf den letzten Metern. Der ganze Körper ruft nach Ruhe, Ruhe, Ruhe! Und das ist ja nicht bloß ein Gefühl, es ist so etwas wie die Signatur unserer Gegenwart. Wir fahren fast permanent in Überlast.“

Ja, diese Tage sind nicht nur religiös zu begehen, sondern auch rein menschlich zum Ausspannen da – für mich, meine ständig übermüdeten Schüler, die anderen Menschen um mich herum, die ebenfalls zu viel in ihr Leben hineinpacken wollen:

„Wir alle haben also guten Grund, einmal tief durchzuatmen, in die Sauna zu gehen oder uns einfach aufs Sofa zu legen. Die Beine hoch, die Augen zu, das Handy aus. Lange schlafen, spät frühstücken, ein bisschen spazieren gehen, lesen, den Kopf wieder freibekommen.“

Und die Zeitung schreibt zurecht, dass das die beste Vorbereitung für die Zeit von 2015 ist, „für die wir hellwach sein müssen, geistesgegenwärtig und einfallsreich“. – Viel Mut zur Ruhe!

Sehnsüchtig (28.12.2014)

Der Rummel um Weihnachten machte es auch für mich nicht leicht, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Als Priester musste ich den Menschen nahe bringen, wie sie das Fest gut begehen können. Da lauert die Gefahr, nur von sich selbst her zu denken und alles von sich zu erwarten: Was soll ich sagen, wie kann ich jemanden beschenken?

Jetzt nach Weihnachten öffne ich nach und nach die Geschenke, die mir ganz verschiedene Menschen in letzter Zeit gegeben hatten. Wir feiern ja acht Tage lang Weihnachten, die sog. Weihnachtsoktav – bis zum 1. Jänner. Da öffnete ich heute ein großes Fresspaket einer tiefgläubigen Frau, deren Bruder vor einigen Wochen mit 51 Jahren gestorben war, den ich noch am Sterbebett kennengelernt hatte und bei dessen Begräbnis ich dabei sein durfte.

Im Fresspaket waren köstliche Sachen, die ich in nächster Zeit verzehren werde. Dann öffnete ich den beiliegenden Brief. Etwa in der Mitte stand: „Christus erwartet Dich, lieber Pater Bernhard, sehnsüchtig an der Krippe, um Dir das Weihnachtspaket 2015 zu schenken.“ Ich machte die Augen zu und lehnte mich zurück. Was hatte mich bei diesen Zeilen so berührt? Jesus wartet auf mich?! Ja, und zwar „sehnsüchtig“. Dieses Wort hatte die Geberin unterstrichen. „Herr, der du auf mich wartest …“ Plötzlich begann ich zu beten wie es mir in der Weihnachtsnacht und am Christtag nicht möglich war. Wieder und wieder klang das Wort sehnsüchtig nach. Und ich fühlte einen tiefen Frieden und eine Kraft von diesem einem Wort, von diesem Satz ausgehen, den ich jedem, der diese Zeilen liest, ans Herz legen möchte: „Christus erwartet Dich, liebe(r) XX, sehnsüchtig an der Krippe, um Dir das Weihnachtspaket 2015 zu schenken.“

Adressat unbekannt (23.12.2014)

Bei meinem letzten Impuls habe ich gegen Ende fast unbewusst ein Gedicht von Hans Magnus Enzensberger zitiert; das ist ja das schöne, von guter Literatur und Gemälden: dass wir durch sie geformt werden und wir dadurch ein tieferes Empfinden bekommen, das wir auch benennen können, also wenn wir ohne Kunst leben würden.

Also, ich schrieb über das menschliche Bedürfnis, jemanden Dank zu sagen. Gott soll immer wieder der Adressat unseres Dankes sein – für so Vieles, für alles! Selbst Menschen, die nicht oder nur schwer an ihn glauben, wollen ihm irgendwie wenigstens ein paar Worte des Dankes zurücksenden, also Antwort für sein Wort, seine Gaben an uns. Und so sind Enzensbergers Worte für den Gläubigen erst recht instruktiv:

Empfänger unbekannt – Retour à l’expéditeur

Vielen Dank für die Wolken.

Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier

und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.

Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn

und für allerhand andre verborgne Organe,

für die Luft, und natürlich für den Bordeaux.

Herzlichen Dank dafür, dass mir das Feuerzeug nicht ausgeht,

und die Begierde, und das Bedauern, das inständige Bedauern.

Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,

für die Zahl e und für das Koffein,

und natürlich für Erdbeeren auf dem Teller,

gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,

für den Schlaf ganz besonders,

und, damit ich es nicht vergesse,

für den Anfang und das Ende

und die paar Minuten dazwischen

inständigen Dank,

meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.

Jemandem danken wollen (22.12.2014)

Vor kurzem erhielt ich ein nettes Paket mit einer Haube drinnen und denn besten Wünschen. Die Haube ist wirklich schön und sogar färbig (hatte ich noch nie) – Ihr werdet mich mit ihr vielleicht einmal sehen. Leider versuchte ich vergeblich herauszufinden, von wem das Geschenk ist. Habe ich den Namen wo übersehen?

Ich glaube, jemand wollte mir ein anonymes Geschenk machen. Sicher in der besten Absicht: Eine Überraschung mit der bescheidenen Haltung, selbst nicht den Dank für das Geschenk zu beanspruchen. Ich hoffe dennoch, der oder wahrscheinlich eher die Spenderin wird sich melden. Warum?

Es ist schön zu wissen, WEM man DANKE sagen kann. Wenn ich die Haube trage möchte ich wissen, wem ich sie verdanke. Diese zwischenmenschliche Erfahrung lässt sich glaube ich auf die Beziehung zu Gott übertragen: Wir möchten jemandem danken für unser Leben und die großen Geschenke unserer Existenz: für die Berge und für die Seen, für den Himmel und für den guten Schlaf, ja den langen Schlaf, durch den ich wieder auf Gleich komme. Schön, dass wir Christen wissen, wem wir für all das und noch viel mehr danke sagen können!

Sag mir, was du liest …(19.12.2014)

Ich bin in diesen Tagen einmal nach Linz gefahren. Normalerweise tue ich das mit dem Auto, um Zeit zu sparen. Da ich aber an verschiedenen Orten meiner Heimatstadt eine Sitzung, ein Gespräch und verschiedene Erledigungen hatte, nützte ich diesmal wieder die öffentlichen Verkehrsmittel. Sie haben nicht nur den Vorteil ökologischer und sicherer für einen selbst und die anderen zu sein, sondern sie geben uns auch Zeit zum lockeren Hinausschauen, Überlegen und Lesen.

Ich hatte natürlich Lesematerial mit: einige liegengebliebene Zeitungen und ein Buch. So war ich für den Zug und die Straßenbahn und den Bus gut versorgt. Als ich noch früher vor meinem Klostereintritt viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln der Städte Linz, Salzburg und Wien unterwegs war, sah ich oft Fahrgäste Bücher und anderes lesen, das sie mitgebracht hatten. Immerhin habe ich selbst in einem einzigen Semester an der Duke University im Bus zur Philosophievorlesung von Alasdair MacIntyre einen guten Teil der „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen gelesen.

Diesmal auf der Fahrt nach Linz und in Linz war ich wie schon öfters in letzter Zeit geschockt darüber, wie sich die Leute einfach eine Gratiszeitung am Bahnhof oder an der Straßenbahnhaltestelle nehmen und z.B. HEUTE dann durchblättern und darin lesen. Nicht nur eine Person – das ist förmlich eine Volksseuche geworden! Harte Worte, tut mir leid ich will niemandem zu nahetreten. Ich verstehe auch, dass müde Menschen im Zug oder Bus nicht gerade Shakespeare lesen wollen. Aber diese vereinfachenden, von niedrigstem Journalismus zeugenden Gratiszeitungen derart massenwirksam zu verwenden irritiert mich. Das sah ich auch schon öfters in Wien, in der U-Bahn: Jeder Dritte hat dort eine solche Zeitung gelesen! Das wirkt, prägt sich ein, führt zur gleichförmigen Gedankenlosigkeit durch uninteressante und z.T. unsinnige News. Wieder sorry, aber wie kann man nur regelmäßig so etwas lesen, wenn es anderen Lesestoff gibt?

Wer immer diese Zeilen liest, die ja hauptsächlich für junge Leute gedacht sind: Ich schreibe deshalb heute so direkt, weil wir jetzt knapp vor Weihnachten besonders sensibel für das Wesentliche im Leben sind und bald auch unsere Vorsätze für 2015 machen sollten. Wie wäre es, einmal zu hinterfragen, was wir ungefiltert an Zeug an uns heranlassen (durch Printmedien, Internet, oberflächliches Gerede)? Und wir sollten uns vielleicht selbst hinterfragen mit dem Satz: „Sag mir, was du liest, und ich sag dir wer du bist.“

Adventliche Neuorientierung (15.12.2014)

Im Adventkalender des Canisius-Werks, auf dem ich jeden Tag ein Blatt weiter gehe, stand vor ein paar Tagen als Impuls: „Womit fülle ich meine Tage? Welche Beschäftigungen könnte ich durch Sinnvolleres ersetzen?“

Stelle Dir jetzt gleich diese Frage und gib Dir eine Antwort. Beginne noch heute, Konsequenzen daraus zu ziehen und sie wirklich umzusetzen!

Nicht mehr katholisch? (09.12.2014)

Manchmal höre ich, jemand oder eine Veranstaltung sei „nicht mehr katholisch“. Ich möchte dazu aufrufen, unseren Glauben niemals zur Disposition zu stellen und nie zu relativieren – aber ich möchte auch darum bitten, mit dieser Aussage zurückhaltend und überlegt umzugehen.

Steindl-Rast u. Pausch - GesprächWas ist der konkrete Anlassfall für diese Zeilen? Wir hatten kürzlich den Benediktiner Br. David Steindl-Rast bei uns zu Gast – ein bemerkenswerter Mönch und Katholik. In der Beschreibung der Biographie hatte ich auch erwähnt, dass er bei einem Zen-Meister in die Meditation eingeführt wurde und ein Vertreter des christlich-buddhistischen Dialogs ist. Im Vorfeld schrieb mir jemand (den Namen lasse ich natürlich unerwähnt):

„Lieber P. Bernhard, ich danke Ihnen für die Einladung, doch mit Zen-Meistern kann ich weniger anfangen und auch mit Buddhismus, da ich einfach nur katholisch bin und mit dem Buddhismus nicht übereinstimme, auch nicht mit deren Praktiken. Sonst werde ich gerne wieder nach Kremsmünster, wenn die Vorträge auch rein katholisch sind und die Meditationsmethoden unserem Gebet und in der Anbetung vor dem Allerheiligsten entsprechen.“

Hier ein Auszug meiner Antwort:

„Machen Sie sich doch selbst ein Bild! Oder kennen Sie Br. David so gut, dass Sie von vorneherein sagen können, er sei nicht mehr katholisch? Ich kenne ihn persönlich gut und finde in ihn einen herausragenden Mönch und Gläubigen. Übrigens habe ich ein Jahr an einer protestantischen Universität in den USA studiert und über einen evangelischen Theologen meine Doktorarbeit geschrieben. Bin ich deshalb nicht mehr katholisch?“

P.S. Bei der Veranstaltung waren dann 400 Leute, die aufmerksam zuhörten. Anstatt leichtfertig zu sagen, jemand sei nicht mehr recht katholisch, wäre es besser zu fragen, warum die Menschen da in Scharen kommen und was sie suchen …

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