Impulse Dezember 2013

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Jahresrückblick (30.12.2013)

Der tägliche Rückblick über den vergangenen Tag gehört zu meinen fixen Ritualen – immer vor dem Einschlafen, mehr oder weniger intensiv. Auch blicke ich zumeist am Vorabend auf den kommenden Tag und stelle mich seelisch darauf ein. Dann mache ich auch noch die Wochen- sowie die Monatsplanung.

Am Ende eines Jahres ist mir der Jahresrückblick lieb geworden. Ich sitze für ein, zwei Stunden da und gehe meinen Kalender durch. Tag für Tag. Erstaunlich, was alles in einem Jahr geschehen ist! Vieles ist mir noch ganz präsent, manches hatte ich schon vergessen. Bei einigen Dingen verharre ich länger: Ein Treffen, die Abfahrt in den Urlaub u.s.w. Damit man sich das konkret vorstellen kann: 29. März: „Karfreitagsliturgie in Eberstalzell“, 22. Mai: „Oper mit Alex“, 5. Juli: „Schachreiter Gebetskreis“, 22.-24. August: „St. Wolfgang mit Family“, 7./8. Oktober: „Vorträge für Redemptoristen“, 5. Dezember: „Zahnarzt“. Da bleibe ich kürzer oder länger hängen und sinne nach (ja, auch bei „Zahnarzt“: das war ziemlich ungut heuer, ich nehme mir vor, besser die Zähne zu putzen). Hängen bleibe ich besonders bei den vielen Eintragungen von persönlichen Gesprächen, wo ganz unterschiedliche Menschen mit ihren Lebensgeschichten zu mir kommen.

Jeder Tag mehrere Eintragungen. Woche für Woche gehe ich durch, Monat für Monat. Vom 1.1. bis Silvester. Eine ausgiebige „lectio humana“, eine „menschliche Lesung“ gegenüber der sonst üblichen „lectio divina“, der „göttlichen Lesung“, die mich täglich in der Früh beschäftigt. Wenn ich am Ende eines Jahres dann den Kalender schließe, sitze ich noch eine Weile da und mache mir Gedanken: Was habe ich nicht alles empfangen! Wie vielen Menschen durfte ich doch begegnen! Alles ist relativ glimpflich ausgegangen! Aber auch: Wieder zu viele Termine angenommen. Zu wenig am Almsee gewesen. Nur zwei Bergtouren gemacht. Tante Maria wieder nicht in Rufling besucht, wo sie sich doch zusammen mit Onkel Alois so freuen würde. So lerne ich aus diesem Jahr für das nächste – hoffentlich. Ich darf ja einen neuen Anfang machen. Gerade mit dem Beginn eines neuen Jahres.

Für heuer habe ich mir aus einem Adventkalender des Canisiuswerkes notiert: Wo habe ich im vergangenen Jahr Wachstum gespürt? Wo spüre ich die Herausforderung, weiter zu wachsen, zu reifen? Womit könnte ich mich immer wieder daran erinnern (Symbol, Zettel…)? Ich freue mich also schon auf den heurigen Jahresrückblick!

Die Kerze als Bild für Jesus (27.12.2013)

Es ist ja schon erstaunlich, welche e-mails ich bekomme. Da staune ich nicht schlecht. Kürzlich schrieb mit eine Teenagerin vom Treffpunkt Benedikt einen Brief und darin formulierte sie auch folgende Zeilen:

„Man kann Jesus mit einer Kerze vergleichen. Ist das Licht abgedreht, zieht sie alle Blicke auf sich und steht im Mittelpunkt. Wenn aber das Licht eingeschaltet ist, ist sie unscheinbar, wird schnell über- oder gleich gar nicht gesehen. Jesus geht schnell unter im Trubel und wird nebensächlich. Probleme und Neuigkeiten nehmen einen oft ganz in Anspruch – und Jesus muss weichen. Den Kerzenschein sieht man gar nicht mehr, weil das (elektrische) Licht so blendet. Ich möchte lernen, nichts so weit an mich heranzulassen wie Jesus. Immer ein Stückchen in meinem Herzen für ihn zu haben, dass ich Ihm alleine gehöre, wo er ohne Konkurrenz strahlen kann.“

Eine gute Übung für diese dunkle Zeit: Eine Kerze anzünden, sich hinsetzen und an diesen Text denken. Und nachspüren, wie Jesus in mein Herz kommen und mich von innen her erleuchten möchte.

Weihnachten beginnt erst später (16.12.2013)

Diesmal möchte ich eine Anleitung für Weihnachten geben. Das heißt für das Fest das nach dem Advent kommt. Der Advent ist die Vorbereitung, früher auch eine stille, bewusste Fastenzeit. Das sollten wir in der einen oder anderen Weise zurückgewinnen – wenngleich ich auch nicht der bin, der etwas bei einer Weihnachtsfeier stehen lässt.

Da sind wir auch schon beim entscheidenden Punkt. Nein, nicht beim Essen, sondern bei der rechten Zeit der Weihnachtsfeiern. Natürlich ist es verständlich, wenn es schon vor Weihnachten Feiern gibt, nachher sind ja Feiertage. Aber wenn es geht, sollte man sie eigentlich dorthin legen, z.B. bei Feiern im Freundes- und Familienkreis.

Weihnachten beginnt am 24. Dezember abends, also am Vorabend des Christtages, und dauert dann bis zum Fest Epiphanie = Erscheinung des Herrn, also dem Dreikönigstag. In dieser Zeit wären doch gute Gelegenheiten für Weihnachtsfeiern. Aber da wollen wir meisten schon eine Ruhe haben, weil uns die Feiern vor Weihnachten so ermüdeten. Und schlecht ist uns zu dieser Zeit auch schon, weil wir vier Wochen lang Kekse und Weihnachtsessen verspeist haben. Ich spreche aus Erfahrung, und mein Bauch unter dem Habit legt Zeugnis dafür ab.

Aber wissen sollte man es: Weihnachten beginnt am Heiligen Abend und endet bei Epiphanie! Was diese Sicht für andere Punkte nach sich zieht ist klar: Wenn möglich keine Weihnachtslieder vor Weihnachten, nur Adventlieder; weniger im Advent tun als sonst (soweit möglich) und dafür mehr Zeit für andere haben, besonders Menschen, die uns brauchen. Altersheime und Krankenhäuser sollten deshalb im Advent voller Besucher sein; und dann ist es auch geraten, die Kekse nicht abzulehnen, die einem gereicht werden. Denn für alte und kranke Leute ist in der Tat Weihnachten – die Ankunft –, wenn sie Besuch haben.

Die Weisheit des Baumes (13.12.2013)

In der vergangenen Woche war ich bei der Tagung der deutschsprachigen Novizenmeisterinnen und Novizenmeister. Das war eine interessante Zeit für mich: Zusammen zu sein mit sechzig Schwestern und Brüdern aus Benediktinerklöstern Deutschlands, Österreichs und der Schweiz (vereinzelt sogar aus Ungarn und Schweden), die alle junge Menschen in Entscheidungssituationen begleiten und bei einem Eintritt ins klösterliche Leben einführen. Da merkte ich, wie unser Orden lebt und pulsiert.

An einem Halbtag beschäftigten wir uns mit „Ideal und Wirklichkeit geistlichen Lebens“. Das ist natürlich besonders für junge Leute ein Thema: Sie wenden sich mit Enthusiasmus dem Glauben oder gar einem Kloster zu, haben hohe Ideale, die aber auch in der konkreten, oft mühsamen und enttäuschenden Wirklichkeit gelebt werden müssen. Wir brauchen Ideale und Ziele, aber sie müssen geerdet sein und immer wieder Anfechtungen und Erschütterungen standhalten.

Ein Mitbruder versuchte diese Gedanken, die wir alle irgendwie hatten und diskutierten, in einer Gruppe in ein schönes Bild zu bringen: Er zeichnete einen Baum. Als ich dann mit meiner Gruppe zu diesem Plakat kam, war es uns schlagartig klar: Das ist ein organisches Bild, das uns verstehen macht, wie wir und besonders junge Menschen geistlich wachsen können.

Wenn ich mir einen Baum vorstelle, sehe ich zuerst die Baumkrone. Sie steht für unsere Ideale. Junge Leute wollen nach oben streben, etwas verwirklichen. Hier zeigen sich auch die Früchte. Eine Schwester im vollen Benediktinerinnen-Habit (wie im Film) zeichnete eine Sonne dazu und schrieb in sie hinein „Liebe“. Ja, Gott lässt wachsen, seine Liebe nährt uns, ohne sie könnten keine Blätter und Früchte wachsen. So steht der Baum da, schön und groß, wie unsere Träume und Pläne, mein ersehntes Leben.

Doch Vorsicht, das ist noch nicht das ganze Bild! Was man nicht sieht, ist ebenso wichtig: Es befindet sich in der Erde. Unter dem Baum ist das Wurzelwerk. In der Erde. „Humus“ heißt das auf Latein. Das damit verwandte Wort „humilitas“ heißt in dieser Sprache Demut. Die Demut bringt uns auf den Boden. Damit wir nicht zu sehr schweben und dann herunterfallen können. Der Baum kann nur leben aus dem Erdreich. Da ist auch das Schwere im Leben drinnen. So kann ein Windstoß kommen und der Baum (unserer Ideale und Ziele) fällt nicht um.

Der Baum durchlebt verschiedene Jahreszeiten. Im Herbst wirft er die Blätter ab; sie fallen zu Boden. Ja, viele unserer Ideale müssen wir fallen lassen. Aber das heißt nicht, dass sie verloren sind! Sie werden – wie die Blätter des Baumes – zum Humus, aus dem der Baum neu Kraft schöpft – und nach uns weitere Bäume gedeihen können, für die wir den Boden bereitet haben (d.h. wie wir halt die Gnade Gottes in unserem Leben wirken und ansammeln lassen konnten – auch für die Nächsten).

Das Bild des Baumes hilft mir, mein eigenes Leben und das Leben junger Menschen besser zu verstehen: Wir müssen nach oben streben, einfach loswachsen. Aber dann merken wir, dass wir eigentlich getragen sind von dem, was sich im Leben anderer und in unserem eigenen angesammelt hat und was verwandelt worden ist. Wenn es diese oft auch schwere, lehmige, nasse, schmutzige Grundlage nicht gäbe, wäre unser Streben ohne Verankerung, würde schnell umfallen und weggetragen werden. Deshalb dürfen wir sie nicht ausblenden und nur in der Schönheit der Baumkrone schwelgen; dann wären wir Schwärmer und Idealisten. Ideale und Ziele müssen also immer wieder geerdet werden. Nichts ist bedeutungslos; gerade die schweren Zeiten im Leben, die Widerstände und Enttäuschungen lenken meinen Blick auf den Boden, lassen mich an meine Verwurzelung denken, machen mir klar, dass ich aus der Erde komme und wieder Erde werde (vgl. die Erschaffung des Menschen im Buch Genesis und den Ritus am Aschermittwoch). Und wenn ich Ziele aufgeben muss und Ideale sich als unrealistisch erweisen, darf ich sie der Erde zurückgeben – und auf geheimnisvolle Weise gibt das den Wurzeln jene Nährstoffe, die der Baum zum Weiterleben und zur Bildung unvorhergesehener Früchte braucht.

Was ist Liebe? (04.12.2013)

Es gibt unendlich viele Definitionen von Liebe. Als ich mit 23 Jahren in den USA studierte, notierte ich in mein Tagebuch: „Eine Form von Liebe ist das Interesse am anderen.“ Das schrieb ich angesichts so vieler guter Leute, die einfach wissen wollten, ja ein ehrliches Interesse daran hatten, wer dieser österreichische Student sei und wie es ihm ginge.

Heute hörte ich bei der Autofahrt im Radio einen Satz von Hegel: „Liebe bedeutet, im anderen bei sich zu sein.“ Wow! Da fuhr ich gleich an den Straßenrand und notierte diesen tollen Satz. Das ist es, was ich immer wieder erlebt habe und erfahre: Dass ich in anderen Menschen mich selbst wiederfinde, d.h. bei ihnen gut aufgehoben bin, sie selbst mir eine Wohnung bereitet haben – in ihrem Leben und Denken, in ihrem Herzen. Das hat natürlich jeweils besondere Töne, ob es sich nun um eine Liebesbeziehung handelt, um eine alte Freundschaft zwischen Gleichaltrigen oder um eine väterlichen oder mütterlichen Kontakt zu einem älteren Menschen, der an mich denkt, mich mitträgt und für mich betet.

Interesse – und im anderen bei sich wohnen. Das ist es auch, was die Beziehung mit Gott ausmacht. Er hat ein unendliches Interesse an mir, sodass er immer mit mir geht und auf mich schaut. Und in ihm bin ich ganz bei mir: Er kennt mich so gut wie sonst niemand; aus ihm bin ich hervorgegangen und zu ihm kehre ich zurück. Er in mir und ich in ihm, das ist mein Leben. Und Liebe über Liebe.

Der Kardinal und die lärmenden Maturanten (01.12.2013)

Ich habe beim letzten Impuls erzählt, wie ich in Bayern im Zug saß und die Leute neugierige Blicke auf mich warfen und so nett mit mir waren. In ganz alltäglichen Situationen auf die Leute zuzugehen, dafür hat mich Erzbischof Schönborn sensibilisiert, als er einmal diese Begebenheit erzählte: Er saß im Zug, vertieft ins Brevier. Als er so betete, stieg in Kufstein eine Gruppe von Maturanten ein, die vom Salzburger Flughafen aus zum Summersplash in die Türkei fliegen wollten. Das bekam der Kardinal von den Gesprächen her mit. Die Jugendlichen bemerkten ihn natürlich und erkannten ihn auch als Erzbischof von Wien. Schönborn ärgerte sich, dass er nicht in Ruhe beten konnte. Das Sticheln der Maturanten nahm er hin. Nachdem sie in Salzburg ausgestiegen waren, wurde ihm plötzlich klar, welche Chance er verpasst hatte. Kardinal Schönborn wörtlich: „Mir wurde bewusst, wie verkehrt mein Ärger war, als die jungen Menschen schon etwas angeheitert hereinkamen und mich störten, dann sogar blöd über mich redeten. Ich war ihnen nicht wirklich begegnet! Warum hatte ich die jungen Leute nicht angeredet? Sie warteten wahrscheinlich darauf. Ich hätte gar nicht über den Glauben reden müssen. Wenigstens zur Matura gratulieren und alles Gute für ihre Reise wünschen – das wäre doch drin gewesen. Dann hätten sie gespürt: Der Kardinal geht auf uns zu. So aber war ihr Eindruck, ich hätte sie ignoriert oder wäre ihnen ausgewichen. Vielleicht wollten sie ja mit mir Kontakt aufnehmen, indem sie immer wieder zu mir herüber schauten und komische Bemerkungen machten. Für meine Feigheit schämte ich mich dann auf der ganzen Zugfahrt nach Wien.“

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