Impulse August 2015

Gut, dass mich so vieles nicht interessiert! (31.08.2015)

Im Gespräch mit dem Benediktiner und ausgewiesenen Theologen aus Deutschland, von dem ich schon beim letzten Impuls berichtete, fiel auch der Satz: „P. Bernhard, ich bin froh und erleichtert, dass mich 98% der Dinge dieser Welt nicht berühren müssen.“ So verfolgt er kaum die Weltraumforschung, schert sich nicht um Sportergebnisse, nimmt die neuesten Modeerscheinungen bei der Kleidung nicht wahr (der schwarze Habit braucht sich nicht zu ändern) und kümmert sich kaum um die Neuerungen am Technologiemarkt. Dafür kann er sich intensiv mit großen Geistern der Vergangenheit und Gegenwart beschäftigen. Und hat nie das Gefühl, etwas zu verpassen. Und immer Zeit, wenn man ihn braucht.

Der Mitbruder hat ein großes Wissen, ein internationales Netz an Kontakten – aber er wählt bewusst aus, was er an sich heranlässt, wovon er sich unterbrechen lässt. Und wir? Dringt nicht zu viel ungefiltert auf uns ein? Haben wir nicht ständig das Gefühl, etwas zu verpassen und die unendlichen Möglichkeiten, die sich uns darbieten, auch umsetzen zu sollen?

Deshalb wäre dieser Spätsommer dazu geeignet, bewusst die Betriebsgeschwindigkeit zu verringern und sich glücklich zu schätzen, dass uns so viel auf dieser bunten Welt eigentlich gar nicht angehen müsste…

Das Unglück des Tratsches (18.08.2015)

Kürzlich telefonierte ich mit einem Mitbruder, der in Deutschland in einem Kloster lebt. Er war 30 Jahre Theologieprofessor in Rom und ist nun in seine Heimatabtei zurückgekehrt. Wie sonst auch schien er mir gesetzt und zufrieden. Es würden viele Leute zu ihm kommen, er halte Exerzitien und Vorträge, könne in Ruhe lesen, gehe täglich zwei Mal spazieren und erfreue sich des regelmäßigen Klosterlebens. Doch dann sagte er: „Was mir schon auffällt, ist der Tratsch. Da wird über diesen und jene geredet, ohne dass das jemanden hilft. Bei solchen Grüppchen verabschiede ich mich schnell. Da passe ich nicht hin, da gehöre ich nicht dazu. Denn je mehr man bei solchen Themen weiß, desto unglücklicher wird man.“

Der Satz blieb bei mir hängen: „Je mehr man weiß, desto unglücklicher wird man.“ Das bezieht sich natürlich nicht auf Bildung; ich kenne kaum einen gebildeteren Menschen als diesen Benediktiner. Dieser Satz soll auch nicht heißen, sich nicht mit anderen unterhalten zu wollen; der norddeutsche Mitbruder war in Rom einer jener Professoren, der am Schnellsten studentische Arbeiten wieder zurück gab und stets zur Hilfe bereit war; ersuchte man ihn um ein Gespräch, nannte er einen Termin für die nächsten 24 Stunden. „Disponibile“ – verfügbar, dieses Wort traf und trifft auf ihn zu. Vielleicht gerade deshalb, weil er sich bei Tratschereien rar macht. Ein Impuls auch für uns: Gar nicht zu viel wissen wollen, was über andere an Gerüchten gestreut wird oder auch wahren Dingen gesagt wird!

Gegen Hysterie (17.08.2015)

Der Prager Erzbischof hat zwei Veranstaltungen der Homo-Lobby in Pfarren im Rahmen des Homosexuellen-Festivals „Prague Pride“ untersagt. Nicht überraschend hagelte es heftige Proteste. Ich bin in dieser Frage weder von der einen noch von der anderen Richtung her besonders erregbar. Ich habe gute Freunde, die eine andere sexuelle Orientierung haben als ich, und habe von ihnen noch nie gehört, ich würde sie diskriminieren. Dem derzeitigen Klamauk kann ich wenig abgewinnen. Mich beschäftigen eher die schwierigen Zeiterscheinungen für so viele Menschen, z.B. die Diskriminierung von Christen in vielen Staaten, wo Menschen wegen ihrer Gesinnung Hab und Gut oder sogar das Leben verlieren. Darüber wird seltsamerweise wenig berichtet.

So finde ich die Stellungnahme des Religionsphilosophen Tomas Halik, einer der großen Geister Mitteleuropas, sehr beruhigend. Halik stellte sich hinter den Prager Kardinal und meinte zur Homo-Lobby und ihren protestierenden Festivals: „Derartige Aktionen hätten einen Sinn in Russland, wo die Homosexuellen Gegenstand der Verfolgung sind, aber schwerlich bei uns, wo niemand jemanden wegen seiner sexuellen Orientierung verfolgt.“ Die Lehre der Kirche sei nicht diskriminierend: Homosexuellen ist mit vollem Respekt zu begegnen, aber der Bund der Ehe kann für Christen nur zwischen Mann und Frau geschlossen werden. Und das wird eine Glaubensgemeinschaft ja hoffentlich noch selbst entscheiden dürfen.

Also: Nicht von den eigentlichen Problemen ablenken. Nächstes Thema bitte!

Keine Denkverbote! (13.08.2015)

Gesellschaftlich, wirtschaftlich und kulturell bahnt sich eine neue Welt an; unsere Lebensformen und Denkweisen verändern sich grundlegend. Leider reagiert man in der Kirche darauf noch recht oft weinerlich oder aggressiv. Ganz gleich ob von traditioneller oder progressiver Seite: Wenn es um Veränderungen geliebter Gewohnheiten oder die Bedrohung eigener Besitzstände geht, reagieren alle allergisch.

Deshalb braucht es Auflockerungsübungen. Ein Beispiel: Der Erzbischof von Denver in den USA, Samuel Aquila, hat für seine Erzdiözese bestimmt, die Firmung kurz vor der Erstkommunion abzuhalten. Moment – nicht gleich Kopf schütteln und protestieren. Einfach realistisch unsere Firmpraxis ansehen! Wäre das wirklich eine solche Katastrophe? Wie viel Energie geht in die Firmvorbereitung, in die Feiern der Firmung – und was bleibt? Gäbe es nicht andere Formen, Teenagers mit dem Feuer des Glaubens zu entzünden?

Für unsere Kirche in Oberösterreich halte ich es übrigens nicht für nachahmenswert, kurzerhand die Firmung vor die Erstkommunion zu geben. Denn was in der Kirche 1900 Jahre Sinn machte, nämlich Taufe, Firmung und Erstkommunion in dieser Reihenfolge zu halten, kann doch auch in Zukunft nicht so falsch sein. Wie immer wir das konkret gestalten. Mir geht es ja nicht darum, etwas einfach abzuschaffen oder neu einzuführen, sondern vielmehr darum, den epochalen Wandel unserer Zeit verständlich zu machen. Und da finde ich das Beispiel aus Denver interessant. Laut denken wird man doch wohl noch dürfen – und wir werden in den nächsten Jahrzehnten tiefgreifende Veränderungen erleben, von denen uns vieles noch recht spanisch vorkommt. Wie die Vorgangsweise in Denver.

Das „Mehr“ ist vorbei (11.08.2015)

Das Wirtschaftswachstum gehöre der Vergangenheit an, lese ich in einem langen Artikel von Roman Pletter in der „Zeit“. Er belegt hervorragend, wie es zu dieser Ideologie der ständigen Steigerung kam (gleichermaßen von links und rechts vertreten) und dass sie nun deutlich an die Grenzen gekommen ist. In Zukunft müssten wir lernen, ohne Wirtschaftswachstum gut auszukommen. Und dann der Satz: „Wir erleben den Beginn eines neuen Zeitalters.“

Bemerkenswert, das aus der Wirtschaftstheorie zu hören. Und beruhigend, dass wir auch in religiöser Hinsicht an der Schwelle zu ganz Neuem stehen. Das freilich wird uns viel abverlangen: So wie die nationale und internationale Wirtschaft vor großen Herausforderungen steht, so geht es uns auch in den Pfarren, Klostergemeinschaften, im persönlichen Glauben, in der religiösen Praxis der Familien: Wenig bleibt gleich, vieles wandelt sich. Klingt doch auch spannend, nicht? Und auch entlastend: Wir müssen in der Kirche nicht ständig auf quantitatives Wachstum setzen, sondern dürfen gelassen die neue Gestalt des Glaubens entdecken!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s