Impulse August 2014

Ordensgewand für eine Minute (25.08.2014)

Ich war jetzt in der Schweiz beim Redaktionstreffen von „Erbe und Auftrag“, das ist die benediktinische Zeitschrift des deutschen Sprachraums. In dieser sechsköpfingen Gruppe bin ich der einzige Österreicher, und es gibt eben auch einen Benediktiner aus der Schweiz, der sein Land vertritt, und diesmal trafen wir uns in seinem Kloster Disentis, über 1.100m in den Schweizer Alpen gelegen. Bei dem jährlichen Treffen entscheiden wir, ob wir Artikel, die uns angeboten wurden, drucken wollen und welche Themen die nächsten Hefte haben werden. Mit viel „Hausaufgaben“ kehrt dann jeder in sein Kloster zurück – aber auch mit wertvollen Gedanken und bereichernden Einsichten. Denn bei so einem Treffen tauschen wir uns darüber aus, was in der Luft liegt, was wir den Brüdern und Schwestern in den Klöstern des deutschen Sprachraumes besonders ans Herz legen wollen oder wo wir einfach merken: Darüber müssen wir jetzt reden (also schreiben)! Die Rückmeldungen zu den einzelnen Heften zeigen, dass dadurch manchmal etwas in Bewegung kommt – bei den Einzelnen, aber auch ganzen Gemeinschaften.

Wir haben uns in diesen Tagen also über viele interessante Dinge ausgetauscht. Eine Sache hat mich besonders berührt. Wir sprachen über das Heft „25 Jahre nach der Wende“. Es waren praktisch alle angefragten Artikel eingelangt, und wir erörterten, inwieweit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Klöster beflügelt oder auch vor neue Herausforderungen gestellt wurden. Da kam Abtpräses Albert Schmidt auf einen Artikel aus Litauen zu sprechen. Wir hatten die Benediktinerinnen von Kaunas gebeten, kurz über ihre Erfahrungen im Kommunismus zu berichten. Ihr Kloster durfte in dieser Zeit ja offiziell nicht bestehen. Die Schwestern waren inkognito Ordensfrauen und gingen normalen Berufen nach. Hin und wieder trafen sie sich heimlich zu zweit oder in Gruppen. Oft wussten nicht einmal die eigenen Eltern, dass ihre Tochter Benediktinerin geworden war.

Kreuzhügel 6Abtpräses Albert wies uns auf diesen Artikel hin und sagte: „Stellen wir uns das einmal vor: Da ist eine heimliche Einkleidung in Kaunas, die Schwestern sind unter Zeitdruck. Nichts darf auffliegen. Die junge Frau bekommt nach ihrer geheimen Kandidatur den weißen Habit – aber nur für ganz kurze Zeit. Nach schon einer Minute sagt die Priorin, sie müsse jetzt den Habit wieder ausziehen – und nimmt ihn zu sich, um ihn geheim zu verwahren. Nie wieder hat die junge Schwester den Habit in den folgenden Jahren getragen, bis zur Wende, als das Kloster wieder frei war. Welches Gefühl müssen die Schwestern da gehabt haben, offiziell nun den Habit tragen zu können!“ Und ein anderes Mitglied unserer Redaktion rief spontan: „Und wir machen es uns oft so leicht und legen ohne Gedanken den Habit ab, um nicht zu sehr aufzufallen!“

Martina im Habit ( 22.08.2014)

Sr-Martina-Rom-Aug-14wZwei Bilder, die für sich sprechen. Martina im Ordensgewand der Missionaries of Charity, der Mutter-Teresa-Schwestern. Derzeit in Rom. Das Glück ist ihr anzusehen. Zwei Fotos, die einen Impuls geben, der keine weiteren Worte braucht.

Schlafmangel (21.058.2014)

Meine Schüler sind manchmal sichtlich übermüdet. Sie wollen gut in der Schule sein, die Freizeitmöglichkeiten genießen, mit anderen in Kontakt treten. Alles so gut es geht unterzubringen bedeutet für viele, irgendwo Zeit einsparen zu müssen. Meistens sind es die Ruhephasen, also die Zeiten, wo wir nichts tun, die gestrichen werden, mit einem schönen Wort Muße genannt. Oder man spart überhaupt beim Schlaf. Das merke ich auch bei jungen Leuten, die zum Treffpunkt Benedikt kommen: Manchen sieht man es geradezu an, dass sie zu wenig schlafen. Und ich muss zugeben, dass ich da nicht gerade ein Vorbild bin.

Nun schickte mir eine Person, die mich gut kennt und mich immer wieder mahnt, mehr auf mich zu schauen, ein Statement von Pascal Raud, das uns alle nachdenklich machen sollte: Ihm zufolge entsteht eine Gesellschaft des Schlafmangels. Das würde die Gesundheit einer ganzen Population gefährden. Wenn wir alle überspannt und chronisch überanstrengt sind, führt das in der Tat zur kollektiven Unausgeglichenheit und zur Aggressivität. Deshalb mein Tipp für die verbleibenden Ferientage: Früh ins Bett gehen, um vor Mitternacht genügend zu schlafen – regelmäßig leben – und wenn es einmal spät wird, ausschlafen bzw. (wenn man im Kloster lebt oder Kinder hat) den Schlaf während des Tages einmal nachholen. Wer einen vehementen Vertreter der täglichen Siesta kennen lernen will, rufe mich zwischen 13:15 und 13:45 an!

P.S. Für die Frankophilen hier die erwähnte Stelle im Original: „L’urgence est de […] faire se coucher tôt une population qui est en manque critique de sommeil ! Cela devient un enjeu de santé publique ! Des personnes privées de sommeil ont des comportements puérils et agressifs, incapables du moindre recul“ (Pascal Raud, La société de la fatigue)

Wenn ich schmunzeln muss … (19.08.2014)

Der Sommer soll nicht nur durch schwierige Impulse gekennzeichnet sein. Deshalb erzähle ich euch heute von vier Begebenheiten, die mich zum Schmunzeln brachten. Am Sonntag war ich statt P. David, der sich am Almsee zurückgezogen hatte, in Eggendorf beim Gottesdienst. Als ich vor der Kirche aus dem Auto stieg, rief mir ein alter Mann zu: „Da ist ja der Traum aller Schwiegermütter!“ Die Situation war wirklich zum Lachen: Ein wohl treuer Messbesucher ruft dem Priester vor der Kirche statt eines „Grüß Gott“ diesen Satz zu. Ein bisschen verlegen war ich natürlich schon; leider ist mir die Gabe nicht gegeben, da sofort eine schlagfertige Antwort parat zu haben wie das z.B. P. Franz glänzend kann.

Danach fuhr ich nach Kematen, der zweiten Pfarre unseres kleinsten Mitbruders. Ich kann das wirklich sagen, weil P. David ja öfters selbst darüber witzelt: er ist wirklich klein. Deshalb hat er auch in der Pfarrkirche von Kematen hinter dem Volksaltar ein Podest bekommen, auf dem er dann doch über den Altar schauen kann. Darauf spielte ein wieder älterer Messbesucher an, als er mich vor der Kirche kommen sah: „Ah, da werden wir heute aber Genickstarre bekommen, weil wir während der Messe so aufschauen müssen!“

Am Abend hatte ich dann wie immer die Sonntagsmesse um 19:00 in der Stiftskirche. Da verwende ich auch immer Weihrauch, nicht zuletzt weil das die Ministranten auch so wollen. So lag ein leicht entzündbares Kohlenstück auf der Herdplatte. Der kleine Ministrant Daniel zeigte auf die schon Feuer fangende Kohle und sagte aufgeregt zu mir: „Die Kohle kocht schon!“

Sein gleichaltriger Freund Andreas brachte mich vor einigen Wochen während der Sonntagabend-Messe zum Lachen –vor aller Augen, direkt bei der Gabenbereitung. Seine Mutter brachte mit einer anderen Frau die Gaben aus dem Kirchenschiff, Brot und Wein für alle. Diesmal hatte Andreas das Wasserkännchen schon vorher auf den Altar gestellt und nicht darauf geachtet, ob ich bereits vor dem Hochheben des Kelchs ein wenig Wasser in den Wein gegossen hatte. Bei diesem Ritus spricht ja der Priester diese bedeutungsvollen Worte: „Wie sich das Wasser mit dem Wein verbindet zum heiligen Zeichen, so lasse uns dieser Kelch teilhaben an der Gottheit Christi, der unsere Menschennatur angenommen hat.“ In dieses Szenario der tiefsinnigen Gabenbereitung hinein sprach nun der treue kleine Ministrant, indem er mich von unten fragend anschaute: „Hast Du den Wein schon verdünnt?“

Begräbnis im Kloster (14.08.2014)

20140814_095701Letzte Woche trugen wir P. Gabriel zu Grabe. Die alten und kranken Mitbrüder sind ja, wenn sie Pflege brauchen, in der Krankenabteilung untergebracht. Wir Jüngeren scherzen immer, wie es einmal sein wird, wenn wir in etlichen Jahrzehnten dort gemeinsam sind und den Lebensabend verbringen. Und da ist natürlich die auch witzig diskutierte Frage, wer wen überlebt.

20140814_100036P. Gabriel, der vor allem in Kematen an der Krems Pfarrer war, verbrachte aufgrund seiner Parkinson-Krankheit mehrere Jahre in der Infirmarie (gegenüber der Kirche, unter dem Wintersaal und Foyer des Kaisersaals, wo wir von Treffpunkt Benedikt immer unsere Agape haben). Dort werden die Patres gut gepflegt und haben auch Anteil an unserem Leben im Kloster. Menschen von außen machen uns immer wieder darauf aufmerksam, welch großes Geschenk es ist, zu wissen, wo man auch im Alter hingehört und dass man am gewohnten Ort sein Leben abschließen kann.

So war es auch eine Bekannte von mir, die sich eine Woche bei uns zurückzog. Da sie sich an der Universität Graz mit dem Mönchtum beschäftigt diskutieren wir viel über das benediktinische Leben und arbeiten auch manchmal zusammen. Natürlich ging sie auch zum Begräbnis, selbst wenn sie P. Gabriel nicht kannte. In einem Brief hat sie mir nun diese interessante Beobachtung geschrieben:

„Am Freitag bei der Begräbnisfeier habe ich auch gedacht, dass du einmal so begraben wirst. Es ist schön zu wissen, wie und wo man begraben wird. Ich habe keine Ahnung wie das bei mir sein wird, wer die Leute sind, die das dann organisieren, ich kenne sie jedenfalls noch nicht. Und ich habe mich gefragt, wer dann die jungen Mönche sein werden, die deinen Sarg tragen – so wie ihr den Sarg von P. Gabriel getragen habt.“

Heute geschleudert!

csm_Anton_1cc907fb79Wenn Menschen wie wir im Kloster zusammenleben, arbeiten sie auch an diesem Ort. Aus dieser Erfahrung hat sich das Diktum des „ora et labora“ entwickelt: Gebet und Arbeit. Bei uns in Kremsmünster sind die Seelsorge oder die Schule augenfällige Arbeitsgebiete. Aber vieles geschieht auch, von dem kaum jemand etwas weiß. P. Anton ist etwa Zeit seines Lebens auch Imker gewesen. In den letzten Jahren hat der mittlerweile 84-Jährige über 30 Bienenstöcke aufgebaut. Nun hilft ihm Frater Sebastian bei der hohen Kunst des Honigmachens.

Ich trinke gerne Tee und süße ihn mir normalerweise mit Honig. Zu Weihnachten bekommen wir von P. Anton immer ein Honigglas, jeder ein eigenes. Das ist natürlich bei mir schnell verbraucht. So bitte ich die Mitbrüder im Imker-Dienst immer wieder um ein weiteres Glas. Sie freuen sich, dass der Honig nicht nur im Klosterladen guten Absatz findet, sondern auch von den Mitbrüdern geschätzt wird.

Gestern habe ich P. Anton wieder um ein Glas gebeten – und heute kam Frater Sebastian in Arbeitskleidung in mein Zimmer, in der Hand hielt er stolz ein Honigglas. Er gab es mir strahlend mit den Worten: „Heute erst geschleudert!“ Und ich dachte an das Wort von Psalm 133: „Seht, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen.“

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