Impulse Juni – Juli 2012

Vielfalt in der amerikanischen Kirchenlandschaft (31.07.2012)

Gestern war ich bei einer interessanten Sonntagsmesse. Ich fuhr vom Zisterzienserkloster in Dallas vorbei an den grandiosen Hochhaeusern zu einer kleineren Kirche. In dieser Strasse waren mehrere Kirchen nebeneinander. Mir wurde St. Mary the Virgin empfohlen. Urspruenglich eine anglikanische Pfarre, gehoert diese Kirche nun zur katholischen Weltgemeinschaft. 1992, so erzaehlte mir der aus England stammende Pfarrer nach der Messe, sei er mit der ganzen Gemeinde konvertiert und nun in Union mit Rom. Weiterhin konnten sie die anglikanische Liturgie beibehalten.

Ich schaeze mir hier in den USA sehr, katholisch zu sein. In jeder katholischen Kirche fuehle ich mich zuhause. Eigentlich schrecklich, dass sonst so viele verschiedene Konfessionen nebeneinanderher existieren, ohne wirklich auch aeusserlich vereinigt zu sein. Neben mir sass eine Familie mit schwarzer Hautfarbe, vor mir Einwanderer aus Mexiko etc. Der eine Leib Christi!

Was mich heute faszinierte: Es war eine sehr foermliche Liturgie mit viel Weihrauch, Kerzen, Kirchenchor in liturgischen Gewaendern, einer einheitlichen Zelebrationsrichtung. Aber zugleich war der Gottesdienst sehr persoenlich gestaltet: Nach dem Glaubensbekenntnis kamen jene, die in der kommenden Woche Geburtstag haben, nach vorne, wo sie vom Priester einzeln gesegnet wurden. Und bei den langen Fuerbitten wurde aller der Pfarre gedacht, die schwanger sind und um besonderen Beistand bitten – nicht einfach nur so, sondern mit Namen! Niemanden stoerte die lange Aufzaehlung von Namen. Und naechste Woche, so wurde angekuendigt, wird es im Sonntagsgottesdienst zwei Kindertaufen und vier Aufnahmen Erwachsener in die Kirche vermittels der Firmung geben. Keine Privatfeiern jenseits der gottesdienstlichen Versammlung, sondern das Volk Gottes gemeinsam unterwegs. Danach Mittagessen fuer alle. Begeistert fuhr ich ueber das Zentrum von Dallas ins Kloster zurueck – der lebendige und doch wuerdige Gottesdienst in dieser Pfarre, in dem auch viele junge Leute waren, hat mich noch laenger beschaeftigt. Wir koennen viel von solchen Feiern lernen!

Die Strahlkraft von Kloestern (20.07.2012)

Ich bin gerade bei den Benediktinerinnen in Oregon. Wie bei den Moenchen sehe ich auch hier bei den Schwestern, wie viele Leute ins Kloster kommen: einige regelmaessig fuer einige Tage, andere taeglich zum Gebet, wieder andere mit einer Gruppe nur selten. Sie kommen, weil sie in ihrer Umgebung den katholischen Glauben kaum wiederfinden. In Oregon sind nur 10% der Bevoelkerung katholisch. Einige ziehen sogar anlaesslich ihrer Pensionierung nach Mount Angel, um in der Naehe eines Klosters zu wohnen.

Die Entscheidung von Abt Ambros, unser Chorgebet schrittweise oeffentlich zu machen und feierlicher zu gestalten ist zukunftsweisend. Hier in den USA erlebe ich gerade, wie Kloester ausstahlen. Menschen finden in ihnen etwas, was fuer sie wesentlich zum Leben gehoert: oeffentliches Geebet und eine christliche Gemeinschaft. Auch viele Leute aus den protestantischen Konfessionen kommen, weil sie das suchen und sich in Stille zurueckziehen wollen.

Die Kloester werden auch in Oesterreich eher wichtiger, je mehr wir in eine aehnliche Situation kommen, in der der Glaube weniger selbstverstaendlich wird und Menschen intensive Zellen gelebten Glaubens suchen, um ihren Alltag zu bewaeltigen.

In der Neuen Welt (19.07.2012)

Nach dem genussvollen Verzehr von zwei gegrillten und selbst gebauten Hamburgern ist es schwer, etwas Kreatives zu schreiben. Aber ich moechte Euch gerade jetzt auf dem Laufenden halten und zum Nachdenken anregen: Ich bin bei einem frueheren Studienkollegen zum Abendessen eingeladen – in Portland, Oregon. Hier ist es 22 Uhr – die Frau meines Freundes macht gerade die Nachspeise -, bei Euch in Oesterreich ist es 7 Uhr am Morgen, Zeit langsam zu fruestuecken! Gestern war ich 24 Stunden unterwegs: Vom Stift Kremsmuenster mit drei Fluegen ueber den Atlantik (spaektakulaer der Flug ueber Groenland) und die Rocky Mountains an den Pazifik. Schon im Flieger merkte ich, wieder in der Neuen Welt zu sein. Hier sind unsere Entwicklungen vorgezeichnet. Das sieht man an so kleinen Details, wie dass beim letzten Flug die Mehrheit der um mich sitzenden Amis in ihren e-books lasen, waehrend die Deutschen in der Lufthansa-Maschine noch fast alle in herkoemmlichen Buechern blaetterten.

Ich bin also wieder in meiner zweiten Heimat, den USA. Was mir schon bei der Zwischenlandung in Denver aufgefallen war: Die Freundlichkeit der Amerikaner. Beim Zoll begann der Beamte, mich genau auszufragen; als ich ihm erzaehlte, dass ich vor 19 Jahren in der Neuen Welt zu studieren begonnen habe und insgesamt drei Jahre hier war, rief er voll Freude aus: “Welcome back!” Und er ersparte mir sogleich den Fingerabdruckt und weitere Fragen. Dafuer erzahlte er mir, wann er in Pension gehen wird und was seine Kinder machen. Am Flughafen in Portland holte ich das reservierte Mietauto ab. Die Frau hinterm Schalter fragte, auf meinen Reisepass blickend, wo ich mein Doktorat gemacht haette. Als ich “Theology” sagte, blickte sie nickend auf das Ansteckkreuz auf meinem Sakko. Vorher hatte mich schon bei der Gebaeckabholung ein junger Mann angesprochen und gefragt, ob ich Priester sei – um dann zu sagen, dass er sich darueber freue, obwohl er nicht katholisch, sondern evangelikal sei: “God bless you, Father!” Die erwaehnte Frau beim Mietauto zeigte mir die kleinste Autoklasse, die ich bezahlt hatte, insistierte aber dann darauf, dass ich ein besseres Auto nehme – ohne mehr dafuer zu bezahlen. Sie gab mir – ebenso wie die Verkauferin in einem Geschaeft am Flughafen, wo ich eine Ansichtskarte kaufte und die mich fragte, woher ich denn sei – das Gefuehl, dass sie sich freut, dass ich in ihrem Land bin. So fahre ich erstmals mit einem “Cruise”, d.h. ich kann die Geschwindigkeit einstellen und am Highway gleichmaessig auf den erlaubten 110km/h dahin fahren, ohne aufs Gas steigen zu muessen. Und Gregory, der vor 19 Jahren mein geistlicher Begleiter wurde und mittlerweile Abt ist, hatte auf mich vor dem Kloster gewartet, umarmte mich herzlich und gab mir das Bischofzimmer: “Andreas, we are happy that you return as Father Bernhard to us.”

Heute vormittag besuchte ich den Klosterfriedhof. Einige Moenche, die ich damals kennenlernte, ruhen mittlerweile dort. Und Father Paschal, dessen Eucharistie-Vorlesung mir viel gegeben hatte, erzaehlte mir mit gefasstem Blick und schwerem Atem, dass er Blutkrebs habe und wahrscheinlich nie mehr Theologie lehren koenne. Mit Todd Cooper, meinem Freund, bei dem ich  jetzt bin, habe ich hier in Portland das Grab von Father Slider besucht, einem grossartigen Priester, der vorher presbyterianischer Pastor war, dann katholisch wurde und mit uns studierte. Ihn wollte ich in diesen Tagen auch treffen, aber die e-mail kam zurueck. Er ist vor zwei Jahren bei Exerzitien ploetzlich tot umgefallen.

So schwanke ich gerade zwischen Wiedersehensfreude und Trauer – und gehe jetzt zum fertigen Dessert, das – wie alles in Amerika – groesser ist als wir es gewohnt sind. Und die Kinder neben mir essen gerade die Mozartkugeln, die ich mitgebracht habe.

Die Schnur (17.07.2012)

Das Schöne als Priestersein ist, dass man mit vielen Menschen in gutem Kontakt ist. Eine Frau, deren Sohn Andreas seit der Erstkommunion dieses Jahr treu bei „meiner“ Abendmesse in der Stiftskirche ministriert, sagte mir jetzt, dass ihr zweiter Sohn Johannes, der auch öfters in die Kirche mitkommt, jüngst meinte: „Das Stift ist meine Schnur zu Gott.“

Ein bemerkenswerter Satz des Sechsjährigen. Großartig, wenn unser Kloster für einige Menschen eine Verbindungsleine mit Gott sein kann. Und grundsätzlich ein schöner Gedanke: Wir dürfen Schnüre füreinander sein, die nach oben weisen, ja mehr noch: die uns in einer anderen Welt verankern!

Eine ungewöhnliche Urlaubskarte (16.07.2012)

Martin Hahn ist angekommen! In Rom! Wie ich das weiß? Heute habe ich eine Karte bekommen, die St. Peter zeigt. Darauf war lediglich zu lesen: „Angekommen! Liebe Grüße, Martin“.

Martin ist angekommen! Nach vielen Wochen der Wanderung: Von seinem Heimatort St. Georgen an der Gusen im Mühlviertel ist er in die Ewige Stadt gegangen. 15 Kilo am Buckel, jeden Tag ca. 20-30 km. Relativ am Anfang seiner Tour war er zwei Nächte bei uns im Stift Kremsmünster eingekehrt, wo er schon oft den Treffpunkt Benedikt oder auch Kloster auf Zeit besucht hat. Mit einem italienischen Empfehlungsschreiben von Abt Ambros ist er dann weiter gezogen. Er musste sich ja immer seine Unterkunft suchen. Wie auch die beste Wegstrecke.

Martin hat es geschafft! Der junge Mann hat es sich in den Kopf gesetzt – und die Megatour durchgezogen. Ganz alleine. Ich bewundere ihn! Und denke mir, wie ich diesen Sommer als Pilger gestalten werde. Ich kann Euch jedenfalls nur empfehlen, es Martin gleichzutun: Einfach etwas Unkonventionelles planen und umsetzten. So oder so. Und dabei Gott vor Augen haben. Wie Martin. Der ist jetzt in Rom angekommen – wow! Und hat eine Vielzahl von Blogeinträgen während seiner Reise hinterlassen: http://www.rompilger.at/ Lasst Euch anstecken!

Das Wunder des Schweigens (12.07.2012)

Heute stand nach dem Morgengebet und Frühstück am Programm: „Einübung ins Schweigen.“ Michael meinte spaßhalber, als er aufs heutige Programm schaute: „Ah, heute haben wir Einübung ins Schwimmen.“ Ich bat die jungen Leute sich direkt am Almsee hinzusetzen und einfach eine Stunde ins Wasser zu schauen, die Wolken zu beobachten, die Geräusche der Natur wahrzunehmen. Dann tauschten wir uns darüber aus. Jeder und jede hatte etwas „erlebt“. Was es in der ganz normalen Wirklichkeit zu entdecken gibt!

Eine Studentin bemerkte:“ Es wäre nicht das Gleiche, wenn jeder von uns irgendwann, irgendwo mal schweigt. Oder etwas anderes tut, und man hat das Gefühl, man versäumt etwas, wenn man nicht dabei ist. Aber wenn wir alle schweigen und meditieren, dann ist das wirklich cool und reißt mich mit!“

Junge Leute erkennen sehr wohl: Es braucht gemeinsam Räume und Zeiten der Stille und des Gebets.

Holzhacken für andere (11.07.2012)

Ich bin jetzt beim Sommercamp am Almsee. 25 junge Leute zwischen 16 und 32 haben sich für diese geistliche Woche angemeldet. Am ersten Tag haben wir mittags unsere Jausen geteilt, uns vorgestellt und den Nachmittag individuell und gemeinsam verbracht. (Ich  bin mit anderen um den See gejoggt und kam völlig erschöpft zu unserer Agapitushütte zurück, ein paar sind in den eiskalten See baden gegangen).

Während ich mich dann auf die Abendmesse vorbereitete, sprach mich Nico sichtlich aus der Fassung geraten an: Das Herz seines Stiefvaters sei im Spital stehen geblieben. Bald danach kam die endgültige Todesbestätigung.

Nico musste sofort nach Linz zu seiner Mutter fahren und das Sommercamp, auf das er sich schon so gefreut hatte, verlassen. Wir feierten die Messe für den Verstorbenen.

Am Abend saßen wir beim Lagerfeuer.  Da bemerkte Martin nachdenklich:“ Nico hat am Nachmittag Holz für unser Feuer gehackt, und jetzt kann er leider nicht dabei sein.“ Ich dachte mir: Das ist ein schönes Bild. Jemand tut etwas aus eigenem Antrieb für die Gemeinschaft- und profitiert dann selbst gar nicht davon. Wie so oft im Leben- und genau davon lebt die Gemeinschaft, jede Gemeinschaft- und die Kirche!

Entlastung (07.07.2012)

Während die anderen jetzt nach monatelangem Einsatz aufatmen und ausspannen können, steigt bei mir der Druck. Freizeiten der anderen sind für einen Benediktiner oft die dichtesten Zeiten. Ich weiß nicht, wie ich alles in nächster Zeit hinkriegen soll.

Heute habe ich mich einfach selbst entlastet. Ich sagte mir: „Du musst eigentlich gar nichts – außer lieben und Gott und den Menschen dienen.“ Im Geiste schrieb ich mir diesen Satz groß im Zimmer auf. Ja wirklich, eigentlich ginge es recht gut weiter, wenn ich in nächster Zeit fast nichts machen würde. Ich könnte auch krank werden – und alles ginge relativ gut weiter. Da wird mir klar: Ich lebe zu sehr von den eigenen Erwartungen und den Erwartungen anderer her. Da ist manchmal ein solcher Befreiungsschlag wichtig: „Eigentlich muss ich jetzt einmal gar nichts tun – außer lieben.“ Wäre das nicht auch eine Devise für jene von Euch, bei denen in diesen Tagen der Druck nachlässt?

Sich Zeit für andere nehmen (06.07.2012)

Vor einigen Tagen, hat mich Christoph in meiner Klosterzelle besucht. Er macht gerade seinen Zivildienst im Altenheim. Dort wird oft betont, der Mensch stünde im Vordergrund, und man müsse sich Zeit nehmen für die alten Menschen. Nimmt sich aber Christoph die Zeit für einen alten Menschen und setzt sich zu ihm hin, wird ihm schnell das Gefühl gegeben, er solle lieber etwas Sinnvolles tun. „Für die Leute haben wir eigentlich viel zu wenig Zeit“, sagt er.

Ich glaube der 19-Jährige hat ein gutes Gespür. Ehrlich gesagt fällt es auch mir manchmal schwer, dass ich mir Zeit nehme für jemanden, der mich braucht. Und als mir Christoph seine Erfahrungen im Altenheim erzählte, wurde mir bewusst: Auch ich hatte, als er überraschend an meine Tür anklopfte, kurz gedacht: Nein, jetzt kommt jemand und ich kann vor der Vesper das nicht mehr fertig machen. So gilt der Satz auch für mich: Wir nehmen uns eigentlich zu wenig Zeit für die anderen!

Reformstau! (05.07.2012)

Ich glaube, die Kirche hat wirklich einen Reformstau. Das findet auch der Berliner Erzbischof Rainer Woelki. In der Wochenzeitung Die Zeit wurde er kürzlich über den sog. Reformstau in der Kirche angesprochen. Seine Antwort: „Mahatma Gandhi ist einmal von christlichen Missionaren gefragt worden, warum ihre Botschaft so schwer ankommt. Gandhi hat gesagt: Ihr duftet zu wenig nach der Bergpredigt.“ Und Kardinal Woelki fügt hinzu: „Man könnte auch sagen: Ihr schmeckt zu wenig nach Jesus Christus. Das ist der wahre Reformstau!“

Nach der Bergpredigt riechen und nach Jesus schmecken – das möchte ich auch. Das heißt, ich möchte nicht bloß herumnörgeln über die Gesellschaft oder die Kirche, sondern selbst die Initiative ergreifen und z.B. mir Zeit nehmen für jemanden, der traurig ist, und nicht nur auf meinen eigenen Vorteil schauen. Ja, die Kirche hat einen Reformstau! Und ich möchte mit der Reform der Kirche anfangen – das heißt: bei mir!

Talita (04.07.2012)

Dieses Wort geht mir seit Sonntag durch den Kopf. Das Evangelium hat mich berührt (Mk 5,21-43): Der Synagogenvorsteher Jairus läuft zu Jesus und fällt ihm zu Füßen: „Komm, Herr, meine Tochter liegt im Sterben.“ Jesus geht mit. Zur ihr unterwegs kommt die Nachricht: „Deine Tochter ist gestorben.“ Jesus zu Jairus: „Hab keine Angst, glaube nur!“ Beim Haus sagt Jesus dann: „Das Mädchen schläft nur.“ Da lachen ihn die Leute aus – wegen seines Glaubens! Jesus geht zum toten Mädchen hin, ergreift ihre Hand und sagt: „Talíta kum! Mädchen, steh auf!“

Talita heißt eine Beratungsstelle für Sexdienstleisterinnen und Opfer von Menschenhandel der Kärntner Caritas: Sr. Silke Mallmann kümmert sich z.B. um nigerianische oder ukrainische Frauen, denen die Dokumente genommen wurden, die nicht Deutsch können, aber auf dem Strich landen. Ich habe diese Initiative kennengelernt durch eine Schülerin von mir, die vergangene Woche in Religion mit einem Spezialgebiet über Zwangsprostitution maturierte.

Talita kum: Mädchen, steh auf! Auf-erstehung ist bereits in dieser Welt erahnbar und erfahrbar. Durch die Jüngerinnen und Jünger Jesu, die gerufen sind zu den Armen ihrer Zeit. Es gibt andere in der Kirche, die den Frauen, die mit falschen Versprechungen in die westliche Welt gelockt werden und auf dem Strich landen, konkret helfen. Z.B. SOLWODI – Solidarity with Women in Distress von Sr. Lea Ackermann. Die Salvatorianerin Sr. Patricia Erber wiederum leitet die Projektgruppe „Ordensfrauen gegen Menschenhandel“. Sie sagt: „Wir wollen dorthin gehen, wo noch niemand hilft.“ Ich denke mir: Früher haben Ordensleute Kranken- und Waisenhäuser oder Schulen gebaut, heute setzen sich Ordensfrauen für oft sehr junge Zwangsprostituierte ein. „Talita kum – Mädchen, steh auf!“ So wie Jesus verhelfen sie jungen Frauen zum Leben.

Montag 02.07.2012

Ich – ein Fußballfan?!

Ich habe mich nie ereifern können für den passiven Sport. Am Sonntag Nachmittag zuzusehen, wie Autos irgendwo im Kreis fahren; einen Samstag verschwenden, um Schifahrer zu beobachten, die ohnehin alle bis auf zehntel Sekunden gleich schnell fahren; oder Abende vor der Klotze zu sitzen und mich daran zu ergötzen, wie einige Leute einem einzigen Ball nachlaufen: da ist mir ehrlich gesagt leid um die Zeit. Aber hin und wieder werde ich auch erfasst – z.B. vom Fußballfieber. Und dann raste ich fast aus! Z.B. vor einigen Jahren, als ich gerade mit meiner Italienischklasse (Freifach) in Norditalien war und das entscheidende Ländermatch Italien-Deutschland sah. Wir standen in Belluno auf dem Domplatz vor einer riesigen Leinwand und redeten natürlich auf Deutsch. Immer skeptischer schauten uns die umstehenden – zumeist jungen – Italiener an. Ihre Blicke argwöhnten: „Seid ihr nicht unsere Gegner?“ Bis wir ihnen dann erklärten, dass wir Österreicher seien und natürlich zu Italien hielten. Da umarmten sie uns voll Freude – und dann wieder, als die Italiener ein Tor schossen. Die anschließende Feier war unbeschreiblich: Die ganze Stadt war ausgelassen – und meine Schüler wie auch ich konnten am nächsten Tag kaum noch sprechen (weder Deutsch noch Italienisch).

Und jetzt war es wieder soweit: Wir haben acht italienische junge Mönche bei uns, sie kommen aus Monte Oliveto Maggiore, einer Benediktinerabtei in der Toscana. Am frühen Abend spielten einige von ihnen mit unseren Konviktsschülern Fußball, dann gingen wir in die Stiftsschank auf ein Eis (von dem sie – als Italiener! – begeistert waren) und schließlich ins Fernsehzimmer unseres Klosters. Neben den italienischen Mönchen das Spiel Deutschland-Italien der heurigen EM zu verfolgen war ein Erlebnis für mich: Ihre Kommentare und Ausrufe erschütterten unser altes Kloster. P. Wilhelm und P. Robert ließen sich mitreißen und wurden ebenfalls immer lauter. Der Sport kann wirklich ein Ereignis sein! Er kann Gemeinschaft bilden! Und er kann dazu beitragen, dass italienische Mönche sich in Kremsmünster wohl fühlen: Italien hat gewonnen, und das merkte man beim Beten der Italiener in der Früh des nächsten Tages.

Donnerstag 28.06.2012

Veränderung durch das Da-sein

Vor kurzem waren Schüler aus einem anderen Bundesland mit ihrem Religionslehrer auf Projekttage bei uns. Eine Schülerin schrieb mir jetzt: „Die Tage im Kloster haben mich irgendwie vollkommen verändert, auch meine Einstellung zum Leben, was wirklich wichtig ist und was eigentlich nicht so wichtig ist. Vor allem als wir in der Gruft waren und du dort über die Vergänglichkeit gesprochen hast, das hat mich besonders zum Nachdenken bewegt.“ Über diese Zeilen wurde ich selbst auf das Wesentliche geführt. Und ich dachte mir: „Erstaunlich, wir haben doch nichts Besonderes mit den Schülern gemacht!“ Das Kloster wirkt einfach, weil hier Jahrhunderte Menschen Gott gesucht und gelobt haben. Eben gerade das ist es, wenn Christen ihr Leben mit anderen teilen: Es kann sie zum Nachdenken bewegen und verändern!

Mittwoch 27.06.2012

Was man bei der Matura wirklich lernt

In diesen Tagen haben unsere beiden achten Klassen Matura. Am letzten Freitag und Samstag war die 8A dran. Ich erlebte meine lieben Schüler enorm aufgeregt. Einige konnten in der Nacht zuvor gar nicht richtig schlafen, andere zitterten ein wenig vor und bei den Prüfungen. Bei der Feier am Samstag Abend – drei waren leider durchgefallen – redete ich mit einigen über den Lerneffekt dieser Wochen. Wir waren uns einig: Es ging nicht nur darum, zu zeigen, ob man etwas kann oder nicht. Diese Wochen der Vorbereitung auf die Matura und dann die schriftlichen und mündlichen Prüfungen sind extreme Herausforderungen, durch die jeder und jede die eigenen Grenzen kennen lernt. Und man lernt auch, wie man mit großer Stofffülle umgeht, sich selbst organisiert, es sich einteilt – und nicht zuletzt: wie man verkraftet, nicht alles perfekt machen zu können. Ich erinnere mich an die Worte meines Vaters, als ich im ersten Studienjahr war: „Du lernst nicht nur viel Wissenswertes – davon wird das meiste ja wieder verschwinden. Was Du eigentlich lernst, ist Dein Leben in die Hand zu nehmen und Herausforderungen zu meistern. Das wird einen Effekt auf Dein ganzes Leben haben.“ Ist es nicht genau so auch mit anderen Stressphasen oder Problemen? Wir lernen zu leben!

Dienstag 26.06.2012

Von anderen lernen

Gestern war wieder ein Maturatag bei uns. Eine der Maturantinnen hatte bei mir eine Fachbereichsarbeit geschrieben. Bei der heutigen Präsentation und Prüfung vermittelte Sabine sehr gut, dass junge Menschen sich sehr wohl die Sinnfrage stellen. So kann die Frage nach dem Sinn des Lebens oft ein Ausgangspunkt sein, die Gottesfrage zu stellen: Woher kommen wir, wohin gehen wir, welchen tieferen Sinn hat mein Leben? Kirche müsse, sagte Sabine, den jungen Menschen Raum und eine Sprache geben, ihre Sinnfragen zu stellen und mit dem Glauben in Zusammenhang zu bringen. Ich lerne viel von meinen Schülern! Übrigens bekam Sabine ein Sehr Gut. So ist meine Bilanz bisher: Zwei Sehr Gut, ein Gut und zwei Befriedigend. Heute sind zwei weitere Kandidaten in Religion dran. Da werde ich sicher wieder einiges lernen – vor allem auch, wie junge Menschen den Glauben sehen und den durchgemachten Stoff verarbeiten und wiedergeben.

Montag 25.06.2012

Die Medien sind sehr wohl an positiven Meldungen der Kirche interessiert – sonst hätten sie nicht Michael Hochschilds Aussagen beim letzten Treffpunkt Benedikt gebracht. Wir müssen uns halt bemühen, etwas zu bringen, was auch die Welt von heute interessiert. Deshalb lest nach: ORF und Kirchenzeitung

Samstag 23.06.2012

Die neue Ausgabe der „Linzer Kirchenzeitung“ bringt ein großes Interview mit Dr. Michael Hochschild (Seiten 6 und 7), den wir ja bei Treffpunkt Benedikt kürzlich zu Gast hatten. Bemerkenswert der Titel des Interviews: „Es ist eine Kunst, die Kirche zu lieben.“ In diesem Interview sagt Hochschild zum Schluss: „Die Christen lernen heute die Widerstandskraft im Leben.“ Wenn mir also von außen der Wind ins Gesicht bläst, entfaltet das eine große Kraft: Ich werde widerstandsfähiger und selbstbestimmter.

Freitag 22.06.2012 

Oft höre ich: „Ihr Benediktiner von Kremsmünster tut viel für junge Leute!“ Es ist aber auch umgekehrt: Junge Leute bringen frischen Wind in die Kirche, in unsere Klöster! Das ist auch der Beginn eines Vortrages, den ich Anfang August vor der nordamerikanischen Ordenskonferenz halten soll. Heute habe ich angefangen, ihn auszuformulieren. Im ersten Absatz sage ich genau das: Junge Menschen richten sich aus auf das, was sie erwartet und was sie ersehnen; von daher gestalten sie die Gegenwart. Die europäische Kirche mit ihren Orden ist dagegen alt geworden: Wir schauen vor allem bange darauf, ob die Gegenwart eh nicht anders ist als die Vergangenheit. Anstatt dass wir uns nach dem Kommenden ausstrecken! Deshalb braucht die Kirche die jungen Leute, um in die Zukunft aufzubrechen.

Donnerstag 21.06.2012 

Heute in der Früh habe ich den Psalm 97 meditiert: „Gottes Gerechtigkeit verkünden die Himmel.“ Das ist weit weg von mir, dachte ich anfangs. Doch dann las ich dazu den Psalmenkommentar des hl. Augustinus (+430): „Du begannst zu spüren, was oben ist und nicht nur was auf Erden ist. Wurdest du da nicht Himmel?“ Wow!, rief ich vor meiner Christusikone aus. Eben hatte ich in der Messe den Leib des Herrn empfangen. Und jetzt sagt mir Augustinus: „Wurdest du da nicht Himmel?“ Und ich lese weiter, was mich eigentlich ausmacht: „Aus Fleisch bestehst du, aber im Herzen bist du schon Himmel.“ – Also nicht nur: Mein Herz ist schon irgendwie im Himmel. Sondern: Durch mich wird der Himmel hier auf Erden Wirklichkeit. Deshalb sagt der Psalmvers: „Gottes Gerechtigkeit verkünden die Himmel“ – d.h. wir Christen auf Erden!

12 Antworten zu “Impulse Juni – Juli 2012

  1. „Aus Fleisch bestehst du, aber im Herzen bist du schon Himmel.“ – ein schöner Satz, der mir heute gut tut. Denn grad wenn die Umstände weniger himmlisch sind, kann ich in mein Herz schauen und entdecke da trotz allem ganz viel Himmel in mir selbst- den ich mit anderen teilen kann und von dem ich erzählen möchte. Und das ist einfach unglaublich ermutigend und ein großer Trost für mich 🙂 .. …… danke, für diesen Impuls

  2. „Oooh o oh ooooohh Der Himmel erfüllt mein Herz“

  3. Wertvoll – Wundervoll – Himmlisch ! ! !
    Danke, lieber P. Bernhard

  4. Ich finde die Einstellung und den „Output“ der Kremsmünster-Mönche richtig zeitgemäß und modern, ohne den Glaubensinhalt zu verzerren und die Tradition aufzugeben. Die „geilsten Mönche wo gibt“ …wie man so schön sagt =)

  5. Pingback: JAKOB | Geistliche Impulse von P. Bernhard

  6. Die Impulse finde ich wirklich gelungen und habe mir erlaubt, einen Hinweis darauf hier zu veröffentlichen: http://jakobsleiter.at/geistliche-impulse-von-p-bernhard/471 (Ich hoffe, das passt?)
    Ein RSS-Feed zu den einzelnen Impulsen wäre noch der Hit 🙂

  7. Danke fürs verlinken! RSS-Feed kann ich leider nicht für einzelne Seiten schalten (kostet zusätzlich 😉 ) wird über facebook verbreitet.

  8. Sich Zeit für andere nehmen: Dazu fällt mir gleich ein – Zeit haben ist keine Frage der Zeit sondern eine Frage der Liebe!

  9. SUPER !!!

  10. Das Küken

    Danke von Herzen für den tollen Blog!! Für mich eine wunderbare Ermutigung im Alltag!! Sehr wertvoll – und ich lese ihn immer gerne und mit Begeisterung!!

  11. Diese Impulse sind einfach der Hammer!
    einfach GENIAL
    Danke P.Bernhard

  12. Sonnenschein

    Diese Impulse sind einfach der Hammer
    Einfach GENIAL
    Danke P.Bernhard