Der Verlust des Heiligen (Irland IV)

Zwischen den einzelnen Veranstaltungen zeigten mir meine Gastgeber so quasi im Vorbeifahren Dublin, eine Stadt, in die ich mich zwar nicht schnell verlieben würde, deren pulsierendes Leben mich aber beeindruckte. Einen Vormittag konnte ich ganz frei durch die Straßen schlendern. Natürlich wollte ich mir die großen Kirchen im Zentrum ansehen. Als erstes stolperte ich in die Christ Church Cathedral; sie ist nach wie vor protestantisch. Gleich zu Beginn störte mich der Eintritt, der ausnahmslos verlangt wurde, auch für die, die nur zum Beten kamen. Dafür erhielt ich ein Faltblatt, anhand dessen die Geschichte und Architektur gut zu erschließen waren. Beeindruckend die Krypta, die sich seit dem 12./13. Jh. unter dem gesamten Kirchenschiff erstreckt. Allerdings lässt dieser weitläufige, unterirdische Raum wenig sakrale Stimmung aufkommen: Es findet sich ein Filmraum über die Geschichte der Kathedrale, ein Kiosk und Toiletten. Sonst waren noch Vitrinen aufgestellt, wie in einem Museum.

In der St. Patrick’s Cathedral würde es wohl anders sein, dachte ich. Doch auch hier war ein hoher Eintritt gefordert, um überhaupt in den Kirchenraum zu gelangen. Irgendwo stand, dass ich mit meiner Spende notwendige Renovierungsarbeiten unterstützen würde. Ich dachte eine Spende wäre freiwillig?! Und mir ist es lieber, eine Kirche ist baufällig, aber dafür frei zugänglich. Der gesamte hintere Teil der Kirche war neben WCs in Containerform von einem großen Kiosk eingenommen, bei dem man auch kitschige irische Souvenirs erwerben konnte. In der Kirche selbst war es laut; jemand saß sogar in einer Kirchenbank und aß ein Sandwich. Zufällig kam ich drauf, dass auch diese Kirche der Church of Ireland gehört, irrtümlicherweise hatte ich angenommen, St. Patrick’s Cathedral wäre katholisch. Irgendwie war ich erleichtert. Ich hatte mich schon mit dem Gedanken getragen, von zuhause aus dem Bischof zu schreiben, dass ich als österreichischer „Wandermönch“ in der Bischofskirche von Dublin das nicht erwartet hätte.

Ich gehe ja gerne zu protestantischen Gottesdiensten und schätze dort vieles, z.B. die guten Predigten, die großartige Musik, die aufwendige Liturgie, gerade im anglikanischen Ritus. Katholische Gottesdienste kommen mir dagegen oft sloppy vor, zu wenig feierlich und irgendwie schlampig. Was ich bei katholischen Gotteshäusern aber schätze: Sie sind meistens offen; sie bergen eine Atmosphäre des Heiligen; Menschen beten dort, zünden Kerzen an, knien sich vor dem Tabernakel nieder. In den beiden protestantischen Kathedralen Dublins war davon keine Spur: Es wurde laut gesprochen, Handel getrieben, kaum (außerhalb der Gottesdienste) gebetet. Möge uns dieses Schicksal erspart bleiben!

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