Keine Angst vor Fragen (Irland I)

Bild261Ich war jetzt einige Tage in Dublin. Manche Leute fürchten sich vor dem Fliegen; ich liebe es geradezu. Gut kann ich mich noch an meinen ersten Flug erinnern – als 17-Jähriger flog ich mit einem Schulfreund nach Seattle. Ich saß am Fenster und schaute fast unentwegt hinaus. Über Grönland die riesigen Gletscher und Eisberge, über dem nördlichen Canada die weiten Wälder, dann die schneebedeckten Rocky Mountains. Damals schrieb ich in mein Tagebuch: „Was immer ich mit Oti in Nordamerika noch erleben werde, schon alleine wegen diesem Flug hat sich die Reise ausgezahlt.“

So spektakulär war der Flug Wien-Dublin nicht. Unzählige Male bin ich nun schon geflogen, da legt sich die kindliche Neugier und Begeisterung. Aber dennoch, ich schaute die meiste Zeit aus dem Fenster: Wunderschön der Abflug IMAG0144über Wien, minutenlang konnte ich in Ruhe den ersten Bezirk ausmachen, einzelne Gebäude identifizieren, die im Geographiestudium durchgenommene Stadtstruktur nachvollziehen. Wie markant Schönbrunn aus der Luft ist, wie übersichtlich eigentlich die ganze Stadt, und dann doch die neuen Viertel, wie sie ausfransen und in den Wiener Wald vorstoßen. Die meiste Zeit ging der Flug dann über das Land, wo man von oben gut erkennen konnte, welche Landwirtschaft betrieben wird und wie sich Dörfer und Städte den landschaftlichen Gegebenheiten anpassen. Auch den Abbau von Rohstoffen kann man von oben gut erkennen. Dann das Meer, Großbritannien (Liverpool war gut zu sehen, der Pilot wies uns extra darauf hin – in amerikanischen Flugzeugen hat man zur Orientierung eine Karte mit der aktuellen Flugroute vor sich) und schließlich der Anflug auf Dublin, ebenfalls bei klarem Wetter. Ich bin IMAG0775noch nie in Irland gewesen; sofort zog mich die wegen der hohen Regenmengen tiefgrüne Landschaft um Dublin in ihren Bann. – Jetzt sitze ich am Flughafen und warte auf meinen Rückflug. Was werde ich diesmal aus dem Flugzeug beobachten können? Sollte es bald nach Irland Wolken geben, bin ich auch nicht traurig; durch die Wolken zu fliegen und über den Wolken zu schweben hat seinen besonderen Reiz.

Ich habe praktisch immer einen Fensterplatz. Seit dem eindrucksvollen ersten Flug an die Westküste der USA frage ich beim Einchecken zumeist, ob ich einen Fensterplatz haben kann. Beim Hinflug nach Dublin sagte die Angestellte der irischen Aer Lingus „natürlich“, jetzt sagte mit irischem Akzent eine freundliche Dame:, „Of course, and I give you a window seat next to the emergency exit, then you can strech out your legs.“ Diese gute Behandlung ist wohl kaum darauf zurückzuführen, dass ich als Priester erkenntlich bin. Schon als Student bekam ich einen Fensterplatz, wenn ich danach fragte. Deshalb: Keine Angst vor solchen Bitten. Die Airlines wollen ihre Kunden gut behandeln. Vielen Passagieren ist es egal, wo sie sitzen, manche wollen gar nicht am Fenster Platz nehmen, weil sie Angst vor dem Fliegen haben. Liegt Dir etwas daran, während des Flugs hinausschauen zu können, dann sag es doch auch!

Übrigens habe ich bei einem Atlantikflug während meines Studiums in den USA auch einmal gefragt, ob ich das Cockpit sehen kann. „Da muss ich zuerst den Kapitän fragen“, sagte die Stewardess von Lufthansa skeptisch. Lächelnd kam sie zurück und bat mich, mit ihr zu kommen. Einige Minuten saß ich dann hinter den Piloten und ließ mir einiges erklären. Das war Mitte der 1990er Jahre. Heute traue ich mich das nicht mehr zu fragen, da würde ich vielleicht als möglicher Attentäter gleich verhaftet und in ein irisches Gefängnis gesteckt. Noch dazu schaue ich mit meiner dunklen Haut ja schon fast so aus wie ein Orientale. Also werde ich mich wieder damit begnügen, einfach aus dem Fenster zu schauen und über Gott und die Welt nachzudenken.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.