Die Morgenstunden lieben

DSC00348Im Zeit-Magazin las ich ein Interview mit der Schauspielerin Jeanette Hain, die zwei Jahre älter ist als ich. Sie sagte etwas sehr Schönes über den frühen Morgen – ein Mönch kann davon nur lernen: „Eigentlich bin ich ein ziemlicher Eremit. Wenn ich morgens um vier Uhr aufstehe, dann passiert etwas in mir, weil dann noch alles still ist. Mein Kind schläft, die Nachbarn schlafen, Berlin schläft. In diesen Morgenstunden ist meine Seele noch unberührt und ganz dünnhäutig. Wenn ich so den Einstieg in den Tag finde, zieht die Stille in mich ein und begleitet mich den Tag über. Insofern haben mich diese frühen Morgenstunden gerettet.“

Nun lesen meine Impulse vor allem junge Leute, für die der Abend alles ist. Der Morgen dagegen wird als Qual erlebt, früh aufstehen zu müssen, oder als Chance, einmal lange ausschlafen zu können. Merkt Euch aber für die Zeit, wenn Ihr auch einmal Mitte Vierzig seid: Es gibt den Kairos der Morgenstunde, die dann mit nichts einzutauschen ist, wenn man sie einmal entdeckt hat. Da lässt man dann freiwillig lange Abende sausen, um früh aufstehen und erleben zu können, was jenseits des Aussprechlichen ist.

Das Klosterleben wird auf den ersten Blick als Einschränkung erlebt. In Wahrheit ist es die Möglichkeit, das zu kultivieren, was die Schauspielerin Jeanette Hain in ihrer Welt entdeckt hat und was sie leben lässt.

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