Fremdes Christentum

ROMIch sitze vor dem Petersdom und schreibe einige Postkarten. An mir gehen Pilger und Touristen aus verschiedenen Ländern vorbei.
Einige haben es wie ich gemacht und setzen sich ebenso in die Sonne; in Österreich wird es wohl recht kalt sein, denke ich. Da kommt ein Ordner vorbei und herrscht uns an, aufzustehen. Was würde Papst Franziskus dazu sagen? Und würde es Jesus unchristlich finden, vor der Kirche zu sitzen und sich des Lebens zu erfreuen? So setze ich mich wieder nieder und einige andere auch. Wir behindern ja gar nicht den Massenstrom an Menschen. Das habe ich gelernt, als ich zwei Jahre in Rom lebte: Man tut so, als würde man sich an die Vorschriften halten, und sobald das Ordnungsorgan weg ist, tut man wieder das Gleiche wie vorher.
Zwei junge Frauen sitzen vor mir und drehen sich mehrmals um. Da redet mich eine von ihnen an und fragt, warum ich ein schwarzes Ordensgewand trage und andere ein braunes. Ich bin Benediktiner, antworte ich, und der mit dem braunen Habit ist ein Franziskaner. Von Benedikt von Nursia (6. Jh.) und Franz von Assisi (um 1200) haben sie anscheinend noch nie gehört. Aber die eine interessiert, warum ich Mönch geworden bin und wie ich lebe, während ihre Freundin fadisiert dreinschaut. Dabei ist diese noch nett zu mir. Sie möchte nicht unhöflich sein und sage mir deshalb nicht, was sie von Religion halte.
Die 22-jährigen Niederländerinnen glauben beide nicht an Gott. Die eine ist am Glauben sichtlich interessiert, die andere offenbar nicht. Wie kann das sein? Ich erlebe das manchmal auch innerhalb einer Familie: das eine Kind ist religiös sensibel, das andere Kind dagegen in Glaubensfragen nicht ansprechbar. Der Glaube ist reine Gnade, sagt die Theologie, um diese Wirklichkeit zu bestimmen, die uns selber entzogen ist. Wie ich über den Petersplatz weiter gehe, sinne ich über diese Begegnung nach. Der barmherzige Gott ist mit der anderen Holländerin auch unterwegs. Er wird sie nicht verdammen. Nur er weiß, warum sie schlecht von der Religion denkt. Er hat mit ihr Geduld und Erbarmen. Wie auch mit mir, der ich den Glauben in die Wiege gelegt bekommen habe und oft so wenig daraus mache.
Wie wird es mit der einen jungen Frau weiter gehen? Sie hatte so viele Fragen und hörte aufmerksam zu. „Cool“ sagte sie öfters, als ich ihr von unserem Klosteralltag erzählte. Ihr kam das offenbar so vor, als würde ich vom Leben auf dem Mars erzählte. Aber sie schien fasziniert und bedauerte geradezu, dass es in den Niederlanden keine Mönche mehr gibt. „Wie kann ich glauben, wie mit Gott Kontakt aufnehmen?“ Eine neue Offenheit erlebe ich da, von einer, die kaum mit der Religion in Verbindung gekommen war. Und dann doch der Hinweis, sie sei evangelisch getauft, dann aber ohne Glaube aufgewachsen. Ob sie meinem Rat folgen wird, einfach mit Gott Gespräche anzufangen und mit seiner Gegenwart zu rechnen und sich von ihm überraschen zu lassen? Und ich frage mich, ob sie einmal Menschen finden wird, die sie für das Leben mit Gott entflammen werden und sie aufnehmen in ihre Gemeinschaft.
In diesen Gedanken versunken gehe ich weiter. Da stellen sich mir junge Katholiken aus Argentinien in den Weg. Strahlen strecken sie mir Kreuze und Rosenkränze zum Segnen entgegen. Durcheinander rufen sie mir in gebrochenem Englisch zu, für wen diese Andenken sind, für die Oma, den kranken Papa, die Freundin. Gesammelt senken sie ihre Köpfe, wie ich meine Arme über sie und die religiösen Gegenstände in ihren Händen ausstrecke. – Bekanntes Christentum und fremdes Christentum zur gleichen Zeit auf dem selben Petersplatz. Und Gott sieht auf alle mit seiner Liebe …

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