Als Mönch in einem Lokal

IMG_9393Ich hatte in Wien vor den Ordensoberen Österreichs einen Vortrag, am Nachmittag. Leider schaffte ich es nicht mehr zum Zug in Hütteldorf um 18:04.

Also musste ich fast eine Stunde warten. Ich ging also vor den Bahnhof und schaute mich um. Gegenüber erblickte ich das Cafe Optimahl. Ich erwartete kein gehobenes Lokal. Gerne setze ich mich in heruntergekommene Gaststätten, auch mit Habit. Einmal saß ich länger in einem Bahnhofsrestaurant und redete mit einem Mann, der mir all seine Sorgen erzählte und anschließend um den Segen bat.

Als ich eintrat, blickten alle Gäste des überschaubaren Cafes auf mich. Naja, ein Marsmännchen hätte mehr Aufsehen erregt, aber so alltäglich war meine Erscheinung auch wieder nicht. Das Lokal war praktisch voll. Sofort bot mir jemand an, seinen Tisch einzunehmen und stattdessen an die Theke zu gehen. Das nahm ich gerne an, denn ich wollte in Ruhe lesen; unterwegs komme ich nämlich viel zum Lesen. Ich bestellte meinen Marillensaft – Mango gab es nicht – und einen Toast. Ich las vielleicht vier Sätze, dann beugten sich die drei halbbetrunkenen Männer vom Nebentisch zu mir herüber. Etwas widerwillig unterbrach ich meine Lektüre.

Die drei etwas schlampig gekleideten Herren wollten wissen, wer ich sei. Pfarrer? Mönch – das klang noch interessanter. Habe den Zug nicht mehr erwischt. Verständnisvolles Nicken. Respektvoll fragten sie mich über das Leben im Kloster; keine schmutzigen Witze, wie ich es auch schon erlebt habe. Dann aß ich meinen Toast. So nebenbei hörte ich wie die Bier trinkenden und Zigaretten rauchenden Männer neben mir sprechen. Der eine erzählte irgendetwas und brach in Tränen aus. Ich legte ihm die Hand auf die Schulter, unsere Tische standen ja eng nebeneinander. Er hatte den Führerschein abgeben müssen, nachdem er mit einer Fahne die Verlustanzeige seiner Geldbörse gemacht hatte. Ungeschickt, sagte der eine. Der andere meinte, er hätte den Alkoholtest verweigern sollen. Ich dachte mir: Der Alkohol ist eine scheußliche Sache, aber die Menschen, die er um den Verstand bringt, habe ich gerne. Der Mann fühlte sich als Verbrecher, sogar wie ein Terrorist. Na, so schlimm sei er auch nicht, versicherten seine Kumpel, und ich stimmte natürlich bei.

Wir redeten über den Sinn des Lebens. Eigentlich mag ich solche Unterhaltungen über Gott und die Welt nicht, aber hier fühlte ich mich wohl. Es waren gute Kerle, jeder war ein Experte für sich – aber wer reagiert nicht so, wenn die Welt einen vielleicht nicht so ernst nimmt? Der Mann mit dem Führerschein – oder besser: ohne Führerschein – erzählte mir von einer Kur, die er vor ein paar Wochen in Bad Schallerbach gemacht hatte. Innig lud er mich für den 22. Dezember nach Bad Schallerbach ins Cafe Sabine (oder so) ein, dort würde er am Nachmittag seine während der Kur geschlossenen Freundschaften feiern, und da dürfe ich nicht fehlen. Naja, ein normaler Schultag, da konnte ich nicht zusagen, obwohl ich kurz überlegte, mir das doch in den Kalender zu schreiben. Als Trost, dass das Wiedersehen nichts wird, gab er mir seine Visitenkarte. Ich soll mich einmal melden. (Ich möchte ihm eine Kleinigkeit schicken, zur Überraschung.)

Merkwürdig, als ich nach 45 Minuten Lokalaufenthalt wegging, war es, als wäre ich stundenlang hier gewesen. Ich gab den dreien zum Abschied die Hand. Da streckten mir auch andere in der Nähe ihre Hände zum Gruß hin; sie hatten ja alles mitverfolgt. Wenn ich den Zug wieder nicht erreichen sollte, würden sie mich auf ein Achterl einladen.

Im Zugabteil sprachen mich zwei mir gegenüber sitzende, fein gekleidete Frauen an. Ob ich aus Melk wäre, fragten sie. Die eine erzählte dann, dass sie viel mit den Benediktinern in Seitenstetten verbinde, die andere, dass sie aus einer Göttweiger Pfarre sei, wo ihre Kinder mit Freude ministrieren und P. Josef am letzten Sonntag eine so schöne Mini-Aufnahme gemacht habe. Wieder kam ich nicht zum Lesen. Diese Alltagsunterhaltungen waren mir mehr wert als viele gescheite Seiten. Beim Tagesrückblick dachte ich nochmals an die Leute in der Kneipe und die Frauen im Zug, unsere kleinen Gespräche. Und ich dankte Gott, wie viel diese Menschen mit einem Mönch anfangen konnten, der ihnen anfangs eigentlich lieber ausgewichen wäre.

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